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„Davon kann man doch sowieso nicht leben!“

Dass man vom Literaturübersetzen nicht leben kann, ist eine weit verbreitete vermeintliche Binsenwahrheit, die nicht zuletzt von den LiteraturübersetzerInnen selbst gern unermüdlich ins Feld geführt wird. Hartnäckig hält sich das Arme-Künstler-Klischee vom Übersetzer, der tagsüber einem unerfreulichen Brotjob nachgehen muss, um sich nach Dienstschluss endlich seiner wahren Leidenschaft hingeben zu können: den Büchern. Wie tragisch-romantisch!

Moment.

Ich übersetze jetzt seit 16 Jahren Bücher und lebe eigentlich ganz gut davon. Mehr noch, ich ernähre seit vielen Jahren eine ganze Familie mit dem Übersetzen. Mache ich was falsch?

Gut, ich bin nicht die klassische Literaturübersetzerin. Ich übersetze vor allem Sachbücher, nur sehr gelegentlich bisher etwas Kinderliteratur. Und stimmt, ich übersetze natürlich auch noch Fachtexte, die ganz anders bezahlt werden. Es steht auch außer Frage, dass Literaturübersetzungen immer noch nicht annähernd angemessen bezahlt werden für die Arbeit, das Wissen, das Können, das wir hineinstecken müssen.

Trotzdem. Kurz nachgerechnet: Ich habe 2015 gut 61 % meines Umsatzes mit Buchübersetzungen gemacht. Zugegeben, mein Stundenlohn lag bei den Fachübersetzungen recht deutlich höher, um fast ein Drittel. Dennoch komme ich auch mit den Buchübersetzungen auf einen durchaus respektablen Stundenlohn von fast 65 Euro. Das ist zwar nicht ausgesprochen fürstlich, aber doch deutlich mehr, als viele Agenturen einer Übersetzerin als Stundensatz zu zahlen bereit wären.

Ich gebe zu, dieser Beitrag ist ein bisschen polemisch. Natürlich kommt es auch darauf an, ob man Hochliteratur übersetzt oder Groschenhefte, Kochbücher oder philosophische Werke. Nach meiner Einschätzung gibt es aber weite Bereiche in der Literatur, in denen sich die übersetzende Zunft durchaus existenzsichernd tummeln kann.

Ich mache mir ein wenig Sorgen, dass die Pauschalaussage in der Überschrift mehr und mehr zur selbsterfüllenen Prophezeiung wird, je öfter wir sie wiederholen. Dass sie uns den Mut nimmt, für die angemessen Bezahlung einzutreten, die uns zusteht. Man kann vom Literaturübersetzen durchaus leben, aber es könnte und müsste noch besser sein!

(300 Wörter)

 
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Verfasst von - 2. Februar 2016 in Übersetzeralltag, Unternehmeralltag

 

Die Kinder der Übersetzerin

Kinder sind wunderbar. Eine Bereicherung. Ein Geschenk. Und sie können etwas ganz Besonderes: ihre Eltern in Millisekunden von Null auf Palmenkrone bringen. Weil sie die Alten genau kennen, weil sie genau wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen.

Bei mir sind das oft sprachliche Knöpfe, wen wundert’s. Wenn meine Kinder mich ärgern wollen, sagen sie Sachen wie: „Aber Mama, das macht doch keinen Sinn!“ oder „Da brauch ich gar nicht erst mit anfangen.“ Kreisch! Wörtlich aus dem Deutschen übersetztes Pseudo-Englisch zu sprechen, habe ich ihnen inzwischen streng verboten, „weil der Mama da die Ohren bluten.“ (Ich wollte eben ein Beispiel aufschreiben, aber ich kann nicht. Es tut einfach zu weh.)

Worüber wir uns allerdings gemeinsam köstlich amüsieren können, ist das von ihnen fließend beherrschte Minecraft-Sprech. „Mann, der hackt [gesprochen: häckt] doch voll! Wenn der mich jetzt onehittet, dann reporte ich den aber!“ – (Zum Bruder:) „Nee, du musst erst leaven, bevor du auf den Server raufjoinen kannst.“ (RAUFJOINEN! Was für ein großartiges Wort!) – „Boah, das laggt hier voll. Ist bestimmt ein Bug, ich leave mal, dann kann ich das fixen.“ – „Na toll, jetzt leavt der instant, ist ja wohl voll unfair!“

Ich könnte ihnen stundenlang zuhören. Das ist fast so schön wie Beratersprech! Ich sehe für beide eine rosige Zukunft im gehobenen Management. Bin jetzt schon stolz.

(215 Wörter)

 
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Verfasst von - 26. Januar 2016 in Alltag, Sprache

 

Mein 2015

Bevor es hier so richtig wieder in die Vollen geht: Vielleicht hat sich der eine oder die andere ja gefragt, was ich wohl das letzte Jahr über so getrieben habe, dass ich gar keine Zeit (oder sagen wir mal Muße) zum Bloggen hatte. Bitte sehr, das war mein 2015:

  • Ich war auf Konferenzen in Warschau (TLC), Freiburg (TriKonf) und Miami (ATA 56). Jawohl, Miami. Es war so großartig, dass ich das Programm dieses Jahr quasi wiederhole, minus Freiburg (weil die TriKonf nicht jedes Jahr stattfindet) und mit San Francisco statt Miami. An dieses Jetset-Leben könnte ich mich wirklich gewöhnen! Wer den lieben langen Tag allein am Schreibtisch sitzt, muss einfach ab und zu mal unter Leute, um nicht vollends wunderlich zu werden.
  • Wenn ich mich nicht gerade auf Übersetzer-Konferenzen herumtrieb, war ich auf diversen Fachmessen oder Kongressen: auf der IDS in Köln, auf der Buchmesse in Leipzig und in Frankfurt, auf der re:publica (praktischerweise vor der Haustür), auf dem Workshop-Wochenende des wunderbaren Texttreffs, auf einem BDÜ-Seminar zum Thema Kardiologie und bei einem Übersetzer-Workshop der German Society des Chartered Institute of Linguists.
  • Ich habe 14 Bücher übersetzt. Vierzehn! Na gut, einige hatten nicht viel Text. Andere dagegen schon, ein oder zwei hielten mich gar über Monate in Atem.

Noch Fragen? Faul war ich jedenfalls nicht. 2016 lässt sich übrigens auch nicht viel ruhiger an – geplant sind bisher nicht weniger als 4 Konferenzen, ein Messebesuch, ein BDÜ-Seminar und natürlich das Texttreff-Wochenende. Eine Weiterbildung zum Medical Writer steht ebenfalls auf der Liste. Ganz zu schweigen von diversen MOOCs und anderen Weiterbildungsaktivitäten.

Ob ich mir einen Sponsor suchen sollte, damit ich in Vollzeit Konferenzen besuchen und meinen Horizont erweitern kann?

(271 Wörter)

 
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Verfasst von - 22. Januar 2016 in Übersetzeralltag, Weiterbildung

 

Neujahrsputz

Hallo?

Liest hier überhaupt noch jemand mit?

Ich könnte es niemandem verdenken, der es inzwischen aufgegeben hat, hier nach neuen Beiträgen zu schauen. Zu lange ist mein letzter Artikel her, und auch davor klaffte ja schon eine gewaltige Lücke.

Im letzten Oktober lernte ich auf der TriKonf meinen reizenden Kollegen Fabio Said kennen, dessen Blog „Fidus Interpres“ ich immer sehr gern gelesen habe. Vor einigen Jahren gab er es zur großen Bestürzung vieler KollegInnen auf, weil es ihn schlicht zu viel Zeit kostete, wie er mir anvertraute. „Du bloggst ja auch nicht mehr, nicht?“, sagte er dann zu mir.

Das saß. Wieso, natürlich blogge ich noch! Na gut, der letzte Artikel ist schon eine ganze Weile her, aber deswegen habe ich doch nicht gleich aufgehört! Oder etwa doch?

Im letzten Jahr habe ich mir dank eines Stipendiums des Deutschen Übersetzerfonds einige Weiterbildungskurse gegönnt, für die ich mir sonst nicht die Zeit und das Geld genommen hätte. (Was ich 2015 sonst noch so getrieben habe, erzähle ich lieber in einem eigenen Beitrag – Geduld!) Darunter war auch ein zweitägiger Workshop zum Kreativen Schreiben. Nein, ich habe keinen Roman in der Schublade und auch keine entsprechenden Ambitionen. Aber ich schreibe gern, das haben mir diese zwei intensiven Tage deutlich gemacht, und das Schreiben fehlt mir.

Wenn die Pause lang genug ist, wird paradoxerweise die Hemmschwelle immer höher, mal wieder einen neuen Artikel zu veröffentlichen. Man kommt aus der Gewohnheit raus, schnell etwas aufzuschreiben, das einem durch den Kopf geht, und wenn man nachdenkt, fällt einem kein Thema ein. Konstant ist nur das schlechte Gewissen.

Doch in der Weihnachtspause packte es mich dann doch plötzlich wieder. Mit dem Bloggen ist es bei mir vermutlich so wie mit dem Laufen: Nicht lange nachdenken, einfach machen.

Und da bin ich wieder. :)

(294 Wörter)

 
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Verfasst von - 19. Januar 2016 in Uncategorized

 

Rolling, rolling, rolling …

Leute? Ich hätte da mal eine Bitte. Wie alle Übersetzerinnen habe auch ich meine pet peeves, also Dinge, über die ich mich immer wieder gern aufrege. Die stumpfe Übersetzung von „body“ als „Körper“, wenn es eigentlich „Leiche“ heißen müsste, gehört zum Beispiel unbedingt dazu, aber derzeit nerven mich gerade zwei andere falsche Freunde:

1. „Sie rollte genervt mit den Augen.“ Ja, ich weiß, der Onkel Duden erlaubt das so. Trotzdem sehe ich dabei immer jemanden mit seinen Augen Kegel umwerfen, und das ist wirklich kein schönes Bild. Können wir bitte sagen: „Sie verdrehte genervt die Augen“? Danke.

2. „Er rollte die Ärmel hoch und fing an.“ Nee. Und wenn der Duden das zehnmal als Synonym angibt, man rollt seine Ärmel nicht hoch. Übrigens auch nicht die Hosenbeine. Man krempelt sie hoch. Hochrollen kann man nach meinem Empfinden höchstens Nylonstrümpfe, die man vorher sauber zu einem Wulst heruntergerollt hat. Das ist doch eine ganz andere Bewegung als krempeln oder umschlagen! Nein, nein, lieber Konrad, das ist mir einfach zu ungenau.

Ich weiß, ich bin pingelig. Aber dafür werde ich schließlich bezahlt.

(178 Wörter)

 
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Verfasst von - 10. September 2014 in Übersetzungsfallen, Sprache

 

MOOC-struck

Mein Name ist Susanne und ich bin MOOC-süchtig.

Puh, jetzt ist es raus. Ich pflege ja schon länger meinen Ruf als Weiterbildungsverrückte, schiele nach jeder Konferenz schon zur nächsten und fahre quer durch die Republik zu Fortbildungsseminaren. Leider belastet das aber nicht unerheblich Familienleben und Geldbeutel – da kommt mir der aktuelle Trend zu Onlineveranstaltungen gerade recht. Webinare sind zum Beispiel stark im Kommen und immer häufiger finde ich auch speziell auf Übersetzer zugeschnittene (zum Beispiel hier, hier und hier).

Noch besser als Webinare finde ich inzwischen aber MOOCs (Massive Open Online Courses, hier eine Liste). Sie werden überwiegend von Universitäten angeboten, meist als Videovorlesung. In interaktiven Tests werden Lerninhalte abgefragt, wer eine bestimmte Punktzahl erreicht, hat den Kurs bestanden. Die Kurse gehen über 3 bis 12 Wochen und – sie machen süchtig.

Bisher habe ich Kurse zu Genomforschung und Präzisionsmedizin, Klinischer Terminologie und Unfallchirurgie abgeschlossen. Aktuell bilde ich mich in Forensik weiter, heute beginnt ein Kurs zur Wirkungsweise von Medikamenten und dann warten da noch einige Kurzkurse zu kardiovaskulären Erkrankungen, Lebererkrankungen, Zahnmedizin und Parkinson auf mich.

Bin ich eigentlich verrückt? Habe ich nicht schon genug zu tun? Sollte ich in meiner Freizeit nicht lieber ausspannen und meine Lieblingsserien sehen? Jein. Es macht mir derzeit unglaublich viel Spaß, mein Gehirn mal mit ganz neuen Dingen zu füttern, die nicht speziell für Übersetzer aufbereitet sind. Statt abends den Fernseher auf Berieselung zu stellen, lasse ich mir lieber etwas über die Faszien des Halses erzählen und staune, wie viel dabei hängen bleibt. Neulich auf dem Hauptstadtkongress kam ich am Stand eines genetischen Diagnostiklabors vorbei und konnte mit dem Experten so richtig fachsimpeln – vor dem Genomik-MOOC hätte ich nur Bahnhof verstanden, wenn er mir etwas von Exom-Diagnostik erzählt hätte. Ein schönes Erfolgserlebnis!

Für meine Lieblingsserien finde ich trotzdem noch Zeit. Prioritäten sind schließlich wichtig!

(300 Wörter)

 
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Verfasst von - 1. September 2014 in Medizin, Weiterbildung

 

„Du warst auf dem FIT-Kongress? Wie war’s denn?“

Vorbemerkung: Mit diesem Beitrag erwecke ich nicht nur mein eingestaubtes Blog endlich wieder aus seinem Dornröschenschlaf, sondern breche ausnahmsweise auch mit meiner 300-Wörter-Regel. In diesem Fall war es mir wichtig, nicht nur Schlaglichter zu setzen oder einzelne Aspekte kurz aufzugreifen, sondern meinen Gedanken in aller gebotener Ausführlichkeit Raum zu geben. Wer die Regeln macht, der darf sie nämlich auch brechen! Ha! 

Nun ist der FIT-Weltkongress schon ein paar Tage vorbei, das Schlafdefizit ist aufgeholt, die Stimme wieder einsatzfähig, das leergeredete Wortkontingent halbwegs wieder aufgefüllt – so viel wie in diesen 3 Tagen spricht die gemeine Übersetzerin schließlich sonst in einem ganzen Monat nicht! Und immer wieder höre ich die berechtigte Frage: „Wie war’s denn?“

Tja, wie war’s denn? Insgesamt war’s schön, wie nach den Erfahrungen mit den beiden BDÜ-Kongressen auch zu erwarten gewesen war. Die Organisation war einwandfrei, die „helfenden Hände“ hinter den Kulissen, wie sie so passend betitelt wurden, leisteten fantastische Arbeit, gerade auch die freundlichen jungen Damen, die z. B. für die Saaltechnik zuständig waren – alles klappte ganz wunderbar und falls es Problemchen gab, wurden sie schnell und kompetent gelöst.

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© Anja Weiligmann

Das Catering – nun ja. Nein, dazu kann ich leider keine Lobeshymnen anstimmen, das war schlicht gesagt ziemlich peinlich. Zu wenig, zu simpel (das gastronomische Niveau erinnerte doch eher an Straßenfest als an Fachkongress) und Servicekräfte, die hilflos mit den Schultern zuckten, wenn sie auf Englisch angesprochen wurden. Beim Sommerfest war vor dem offiziellen Ende das Bier alle. Das darf einfach nicht passieren, das geht mit Sicherheit besser. Mir war es jedenfalls unangenehm, mit welchen Eindrücken von der deutschen Gastronomie die Gäste aus aller Welt wieder nach Hause gefahren sein mussten.

Und der Kongress selbst? Auch da bleiben mir durchaus gemischte Eindrücke. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen auf einigen Übersetzerkongressen war, vielleicht auch an meiner eigenen Programmauswahl, aber so richtig viel Neues konnte ich irgendwie nicht mitnehmen. Na klar, Chris Durbans Beiträge (und das waren so einige) waren wie immer sehens- und hörenswert und ihre Botschaft („Down with the poverty cult“ – „Einigkeit macht stark“ – „Tretet selbstbewusst und professionell auf, ihr habt allen Grund dazu“) kann man auch wirklich nicht oft genug hören. Das ist mir persönlich immer wieder ein Fest und eine wirkliche Motivation. Natürlich habe ich auch aus anderen Vorträgen mindestens ein oder zwei neue Aspekte mitnehmen können, beispielsweise fand ich Iva Mäders Vortrag zum Thema „Erfolgreich sein mit kleinen Sprachen“ wirklich sehr interessant und stieß dort auch auf Ideen, die mir selbst schon mal gekommen waren (was immer nett für das eigene Ego ist – nach dem Motto „Ganz falsch kann ich also nicht liegen!“).

Aber. Ich muss gestehen, schon als ich das Motto der Konferenz las, verdrehte ich seufzend die Augen. Schon wieder Maschinenübersetzung. Das Thema beschäftigt die Branche ja nun schon seit dem Aufkommen von Google Translator wieder verstärkt und wird in Blogartikeln, Forenbeiträgen und nicht zuletzt auf Kongressen mit mehr oder minder (meistens eher minder aus Sicht der erfahreneren Kolleginnen und Kollegen) hysterischem Unterton wieder und wieder abgehandelt. Auch auf der TriKonf im letzten Herbst war das Thema schon Schwerpunkt. Mit meinem Arbeitsalltag hat das Thema Maschinenübersetzung nicht viel zu tun und deshalb konnten sämtliche Vorträge und Diskussionsrunden dazu mich auch nicht wirklich locken. Andererseits habe ich gehört, dass gerade ein Präsentationsblock zur Maschinenübersetzung rundum überraschend spannend und interessant war, vielleicht hätte ich also meinen inneren Widerstand überwinden und mir wenigstens ein Segment dazu doch ansehen sollen.

Auch mein Gesamteindruck, dass ich leider nicht viel Neues zu hören bekam, lässt sich, wie schon gesagt, möglicherweise zum Teil auf meine persönliche Programmauswahl zurückführen. Ich hatte überwiegend Themen gewählt, die mich ohnehin interessieren, wie Marketing, Medizin und Social Media, teilweise hatte ich auch die Vortragenden schon mal gehört – vermutlich kann man da einfach keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse erwarten. Bei der nächsten Konferenz werde ich sicherlich mutiger sein und die gewohnten Pfade auch mal verlassen.

Was mich aber wirklich gestört hat, war die insgesamt doch sehr eurozentristische Ausrichtung des ganzen Programms. Auf einem dediziert internationalen Kongress hätte ich es erwartet und interessant gefunden, mehr von der Situation der Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern zu hören. Sicher, vereinzelt gab es solche Vorträge, aber insgesamt war es viel zu wenig. Das hatte übrigens nur bedingt mit der Programmauswahl durch die Teilnehmenden zu tun, schon bei den Einreichungen fehlte mir dieses Themenfeld. Die Resolution zur Situation der Kolleginnen und Kollegen in Krisengebieten, die in der Abschlussveranstaltung mit minutenlangem Applaus einstimmig vom Kongress angenommen wurde, war gut und richtig, aber reicht meiner Meinung nach einfach nicht aus. Vorträge zu diesem Thema, Erfahrungsberichte? Fehlanzeige. (Bis auf einen, wenn ich mich recht erinnere.) Dabei ist das Thema doch so brandaktuell und auch so wichtig, dass man das ebenso gut zum Leitthema der Konferenz hätte machen können!

Schade auch, dass überhaupt so wenige Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel aus Afrika anwesend waren – ein gewaltiger Kontinent mit knapp 2.000 Sprachen, da wird doch wohl jemand was zum Thema Übersetzen und Dolmetschen zu sagen haben?! Natürlich ist es für viele Mitglieder der vier afrikanischen FIT-Verbände sicher schwierig, die Kongressgebühr und die Reisekosten aufzubringen, aber da hätte man sich doch im Sinne der Kollegialität ein Umlagemodell ausdenken können, um wenigstens einige Vertreter einzuladen.

Was das Ganze aber dann doch trotz der persönlich wahrgenommenen Programmschwächen zu einem vollen Erfolg machte, waren die vielen Kolleginnen und Kollegen von überallher, die ich wiedertraf, kennenlernte oder nach langer virtueller Bekanntschaft erstmals in Fleisch und Blut traf. Auch hier war den Organisatoren etwas Pfiffiges eingefallen: Überall standen gut sichtbare Werbesegel (auf Neudeutsch „Beachflags“, wie ich lernte), die als Treffpunkte für verschiedene treffwillige Grüppchen wie Twitterer, Medizin-Übersetzer etc. dienten. Netzwerken leicht gemacht! Aus diesen Gesprächen habe ich den meisten Nutzen gezogen, mal abgesehen davon, dass es einfach riesigen Spaß machte.

Meinen idiomatischen Hut* ziehe ich zum Schluss vor den Kolleginnen und Kollegen, die unentgeltlich unzählige Veranstaltungen zwischen den drei Kongresssprachen Englisch, Französisch und Deutsch verdolmetschten. Dass Dolmetschen eine höchst anspruchsvolle Tätigkeit ist, wissen wir alle, aber dann auch noch für das kritischste Fachpublikum, das man sich überhaupt vorstellen kann, nämlich für die eigene Zunft – das kann mit Sicherheit nicht jeder. Vielen Dank dafür!

FotoHat es sich für mich also gelohnt, zum FIT-Kongress zu gehen? Ja, hat es. Nicht zuletzt übrigens deswegen, weil ich dort selbst einen kleinen Workshop (eher einen kurzen Vortrag mit längerer Fragerunde) zum Thema „Marketing für Literaturübersetzer“ gehalten habe, auf den ich noch am nächsten Tag von wildfremden Menschen freundlich bis rundheraus begeistert angesprochen wurde. Unbezahlbar! Und beim nächsten Kongress (der mit Sicherheit nicht lange auf sich warten lässt, denn Kongressbesuche machen süchtig) werde ich darauf achten, nicht nur bei meinen Kernthemen zu bleiben, sondern aktiv auch mal über den Tellerrand hinauszuschauen. Ich freue mich jetzt schon drauf!

*Diese Wendung habe ich bei Kerstin Funke abgekupfert, die sich nach der FIT-Geburtstagsparty am Dienstagabend „auf die idiomatischen Socken“ machte und der ich an dieser Stelle ganz herzlich für diese grandiose Erweiterung meines aktiven Wortschatzes danken möchte. <3

 
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Verfasst von - 10. August 2014 in Übersetzeralltag, Weiterbildung

 
 
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