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Archiv für den Monat Mai 2011

Was macht der Sinn denn nun?

Sprache lebt, kein Zweifel. Sie entwickelt sich weiter, stößt Altes ab, nimmt Neues auf. Das finde ich an sich nicht schlimm, sondern normal. Alle Sprachen machen das so, würde ich meinen. Es gibt aber Begriffe und Redewendungen, an die ich mich nie gewöhnen werde, auch wenn man sie täglich vielfach hört und irgendwann doch ein gewisser Abstumpfungseffekt eintritt.

„Sinn machen“ gehört auf jeden Fall dazu. Da könnt ihr mir jetzt noch so viel Lessing und Max Frisch entgegenhalten, mir rollen sich trotzdem jedes Mal die Fußnägel auf, wenn ich das höre. Und ich glaube nach wie vor, dass an dem inflationären Gebrauch dieser Redewendung schlampig synchronisierte US-Fernsehserien schuld sind.

Fast noch schlimmer finde ich allerdings den Trend, das englische make sense reflexartig mit „Sinn ergeben“ zu übersetzen. Mal ehrlich, wie oft hört man denn im normalen Leben jemanden sagen: „Das ergibt doch keinen Sinn!“? Eben, gar nicht bis selten. Das ist ganz einfach unidiomatisch! Selbst wenn an der Übersetzung an sich nichts zu meckern wäre, in der Häufigkeit, in der sie durch unidiomatisch übersetzte Fernsehdialoge in solchen Serien auftritt, hat sie im Deutschen einfach nichts zu suchen.

Dabei gibt es doch so viele gute, idiomatische Möglichkeiten, that makes sense zu übersetzen – man muss eben nach dem Kontext gehen, dann könnte z. B. „Klingt logisch“ oder „Ja, natürlich!“ oder sogar „Ach, jetzt verstehe ich!“ gut passen. Die Verneinung ist noch einfacher: „Das ist doch Quatsch“, „Das verstehe ich aber nicht“, „Ist doch total unlogisch“ … es gäbe so viele Möglichkeiten, wenn man sich mal etwas Zeit nähme, sich in den Dialog hineinzufühlen. Dialoge idiomatisch zu übersetzen, ist nämlich eine hohe Kunst – zu schade, dass sie so grottenschlecht bezahlt wird.

(280 Wörter)

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Verfasst von - 31. Mai 2011 in Übersetzungsfallen

 

Warum ich nicht mehr für die Umtüter arbeite

Neulich bekam ich mal wieder eine Anfrage von einer großen, großen Übersetzungsagentur, die ebenso viele Buchstaben hat wie die Zeitung mit den großen, großen Buchstaben. Ich antwortete, dass ich mich entschlossen hätte, nicht mehr mit diesem Unternehmen zusammenzuarbeiten, und bat darum, meine Daten aus der Datenbank zu löschen. Was für ein befriedigendes Gefühl. Tschüß, Umtüter!

Früher dachte ich ja, solange sie bereit sind, meine Preise zu zahlen, arbeite ich auch für solche Agenturen. Und das taten sie durchaus, wenn meine Spezialisierung gefragt war. Doch vor einiger Zeit meldete sich dann doch mein Gewissen. Ich weiß, dass besagtes Unternehmen seinen treuen, langjährigen Mitarbeitern nicht mehr zahlt als 50 Cent pro Zeile. Sie haben ein reguläres Zahlungsziel von 60 Tagen und zahlen „unter Vorbehalt“ mit der Option, Rückforderungen zu stellen, falls der Kunde irgendwann später mal reklamiert. Bei meinem letzten Auftrag (Japanisch-Deutsch) vergeudete ich hinterher wertvolle Arbeits- und Lebenszeit damit, einem des Japanischen unkundigen Korrektor zu erklären, warum meine Übersetzung sehr wohl richtig ist. Dem Kunden wird damit eine Qualitätssicherung verkauft, die keine ist, weil der Korrektor nur überprüfen kann, ob die Zahlen aus dem japanischen Text auch im deutschen gelandet sind.

Solche Geschäftspraktiken kann und will ich nicht länger unterstützen, das bin ich meiner Berufsehre schuldig. Außerdem ging mir endlich auf, dass ich mit meiner guten Arbeit, die sie unter ihrem Namen verkaufen, ihnen einen guten Ruf verschaffe, den sie eigentlich nicht verdient haben. Und schließlich will ich mehr sein als ein Datensatz. Ich will echte Kundenbeziehungen pflegen und kein austauschbares Rädchen im Getriebe sein. Deswegen arbeite ich nicht mehr für die Umtüter.

(Die Agentur mit den wenigen Buchstaben sei hier nur exemplarisch genannt, dasselbe gilt auch für alle anderen Platzhirsche.)

(278 Wörter)

 
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Verfasst von - 26. Mai 2011 in Übersetzeralltag, Umtüter

 

Gespaltene Persönlichkeit

Beruflich bin ich ja eine bekennende multiple Persönlichkeit. Zum einen ist da die Fachübersetzerin für Medizin und Biowissenschaften, Mitglied im BDÜ, nennen wir sie Dr. Jekyll. Sie fuchst sich gern in schwierige Fachtexte ein, jagt ganze Vormittage lang einzelnen Begriffen hinterher, bildet sich auf Seminaren weiter. Zum anderen ist da die Buchübersetzerin, Mitglied im VdÜ, nennen wir sie Mrs. Hyde. Sie übersetzt am liebsten Sachbücher, am allerliebsten für Kinder, aber auch Naturführer und, eher zufällig, Kochbücher.

Normalerweise arrangieren sich die beiden ziemlich gut. Mal hat die eine mehr zu tun, mal die andere, nicht selten muss ich auch an einem Tag von der einen zur anderen umschalten – das ist nicht ganz einfach und fühlt sich manchmal etwas schizophren an. Und manchmal entstehen lustige Schnittmengen. Dr. Jekyll arbeitet zum Beispiel gerade an der Übersetzung eines Berichts über die Fischbestände in der Ostsee, Mrs. Hyde übersetzt parallel ein Kochbuch. In dessen Kapitel über Hauptgerichte dieselben Fischarten wieder auftauchen, die Dr. Jekyll gerade recherchiert hat. Nun werde ich wohl nichts mehr über die Flunderbestände im Großen Belt schreiben können, ohne an die Remoulade zu denken, die dazu angeblich himmlisch schmeckt. Bei „Lachswanderungen“ fällt mir jetzt unweigerlich Teriyaki-Sauce ein.

Erinnert mich ein bisschen an die Japaner, die damals im Aquarium in Tokyo hinter mir standen. Ich bewunderte fasziniert die leuchtend bunten Fische in den gewaltigen Becken, hinter mir fachsimpelte man: „Guck mal der da, der schmeckt mit Sojasauce bestimmt super.“

(237 Wörter)

 
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Verfasst von - 23. Mai 2011 in Übersetzeralltag

 

„Makkaroni mit Käse“

Neulich las ich in einem ansonsten hervorragend übersetzten Buch wieder mal was von „Makkaroni mit Käse“. Gemeint war ein typisch amerikanisches Gericht, macaroni and cheese, kurz und knackig mac & cheese genannt.

Fällt eigentlich niemandem auf, dass diese Übersetzung nicht stimmt? Makkaroni sind im deutschen Sprachraum das, was die Italiener bucatini oder perciatelli nennen, nämlich lange, dünne Röhren (die man wegen ihrer ungünstigen Form eigentlich überhaupt nicht vernünftig essen kann, aber das mal nur am Rande). Macaroni dagegen sind leicht gebogene Hörnchennudeln, für die es im Deutschen ganz einfach keine Entsprechung gibt – außer eben „Hörnchennudeln“.

Und so sehen sie aus, die mac & cheese:

(Autor: Antilived, Quelle: Wikipedia)

Ich plädiere dafür, die Übersetzung „Makkaroni mit Käse“ flächendeckend abzuschaffen und durch „Nudeln mit Käse“ zu ersetzen. Oder was meint ihr?

(129 Wörter)

 
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Verfasst von - 17. Mai 2011 in Alltag, Übersetzungsfallen

 

Hatschi!

Wenn ich in die Sonne gucke, muss ich niesen. Das war schon immer so. Als Kind dachte ich noch, das geht allen so, aber manchmal ernte ich doch verständnislose Blicke, wenn ich auf diesen für mich so eindeutigen Zusammenhang hinweise.

Dank Mark Benecke und dem Radio-1-Podcast „Die Profis“ weiß ich jetzt endlich, dass ich nicht nur nicht allein damit bin, sondern dass es sich dabei um ein bekanntes Syndrom handelt, von dem etwa 20–30 % der Bevölkerung betroffen sind, übrigens vorwiegend weiße Frauen. Es heißt sinnigerweise ACHOO syndrome (dt: „Hatschi-Syndrom“), das Akronym steht für Autosomal Dominant Compelling Helio-Ophthalmic Outbursts of Sneezing. Ich kann mir richtig vorstellen, wie die (amerikanischen?) Wissenschaftler in feuchtfröhlicher Runde zusammensaßen und so lange tüftelten, bis sie beim fünften Bier tatsächlich jedem Buchstaben von Achoo ein sinnvolles Wort zugeordnet hatten. Auf Deutsch heißt das Phänomen übrigens ganz trocken „Photischer Niesreflex“.

Woher das nun genau kommt, weiß man immer noch nicht so richtig, aber es scheint angeboren zu sein. Bei meinem älteren Sohn habe ich es übrigens auch schon beobachtet, beim jüngeren noch nicht. (Edit: Der Papa hat’s auch beim Kleinen schon gesehen. Ist nur mir Rabenmutter anscheinend noch nicht aufgefallen.)

Irgendwie beruhigt mich das ja. Ich bin Teil einer anerkannten Minderheit. Mein Name ist Susanne und ich leide unter dem ACHOO syndrome. Gesundheit.

(202 Wörter)

 
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Verfasst von - 12. Mai 2011 in Alltag, Medizin

 

Wie hat sie das gemacht?

Im letzten August erwartete mich ganz untypisch schon ein Berg Arbeit, als ich aus dem Urlaub wiederkam. Es waren zwei Buchprojekte, die ich schon vor dem Urlaub angenommen hatte, mit eigentlich sehr großzügigen Deadlines – aber als ich ins Büro zurückkehrte, war die Zeit schon ordentlich zusammengeschmolzen (vor dem Urlaub war natürlich auch keine Zeit gewesen, schon mal anzufangen, Juli halt), und so musste ich dann ziemlich viel Arbeit in ziemlich kurzer Zeit erledigen.

Da es sich um Kochbücher handelte, ging das Übersetzen zwar ohnehin recht schnell von der Hand (Rezepte haben eine beruhigend gleich bleibende, sich immer wiederholende Struktur, das läuft nach einer Weile fast auf Autopilot), aber gegen Ende wurde die Zeit dann trotzdem immer knapper und der Berg nicht so schnell kleiner, wie ich gehofft und geplant hatte.

Also begann ich zu tricksen. Ich machte natürlich Überstunden, und das half auch, aber vor allem nutzte ich eine kleine, gern übersehene Word-Funktion: die AutoKorrektur. Man glaubt ja gar nicht, wie viel Zeit man sich spart, wenn man „frisch gemahlener schwarzer Pfeffer“ nicht jedes Mal neu eintippen muss, sondern nur „pf“. Die AutoKorrektur setzt erst ein, wenn man nach der festgelegten Abkürzung ein Leer- oder Satzzeichen setzt, „Topf“ blieb also weiterhin „Topf“. Statt „in Scheiben geschnitten“ schrieb ich nur noch „sch“ (es gab auch noch „in dünne Scheiben geschnitten“ = „dsch“ und „in Ringe geschnitten“ = „ri“), statt „natives Olivenöl extra“ nur noch „oli“ usw.

Es war meine Rettung. Ich schaffte relativ locker 6.000 Wörter pro Tag und wurde – natürlich – pünktlich fertig. Was Deadlines angeht, bin ich echt ein Terrier.

Bei Kochrezepten mit ihren vielen Wiederholungen bietet sich dieser Kniff natürlich besonders an, aber auch in anderen Texten finden sich sicher Möglichkeiten, die AutoKorrektur Zeit sparend anzuwenden, um lange Wörter oder Wendungen abzukürzen. Probiert’s mal aus!

(295 Wörter)

 
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Verfasst von - 5. Mai 2011 in Trickkiste

 

Nase voll.

Ich bekomme in letzter Zeit zunehmend Anfragen für Übersetzungen aus dem Japanischen ins Deutsche, vorzugsweise von Agenturen, mit denen ich noch nie etwas zu tun hatte. Problem 1: In 80 % der Fälle wird kein Auftrag daraus. Problem 2: Bei den angefragten Dokumenten handelt es sich fast immer um Bilddateien (PDF ohne markierbaren Text, JPG, TIFF … you name it), wenn es nicht ohnehin eine schief eingescannte Vorlage in grausiger Qualität ist (eingescanntes Fax ist mein Favorit!).

Ich habe dermaßen die Nase voll davon, dass man mir solche Dateien vor den Latz knallt mit der „Bitte um Festpreis und Bearbeitungszeit“, ich mich als brave Dienstleisterin natürlich hinsetze, mir den Text genau ansehe und den Aufwand abzuschätzen versuche – kostet mich meistens eine runde halbe Stunde und oft genug bekomme ich nicht mal eine Antwort.

Was mich daran besonders aufregt: Die Agenturen wissen weder, was das überhaupt für Dokumente sind, noch, wie man so was kalkuliert. Sie werben mit Übersetzungen aus dem Japanischen und lassen mich dann ihre Arbeit machen, schlagen auf mein Angebot einfach eine Marge drauf und leiten dann alles an ihren Kunden weiter. Sie können ihm weder erklären, warum es „so viel“ kostet, noch, warum es „so lange“ dauert, weil sie eben selbst keine Ahnung haben. Warum bieten sie diese Leistung dann an?!

Aber nun ist Schluss. Ich habe eine Liste mit Preisen für Standarddokumente (Familienregister, Führerschein etc.) und Zeichenpreisen für verschiedene Arten von Dokumenten erstellt und eine Standard-Antwortmail dazu entworfen, in der ich erkläre, wie man japanische Zeichen in einem Word-Dokument zählt. Für alle nicht auszählbaren Dateien berechne ich für den Kostenvoranschlag ab sofort einen Festpreis, der natürlich im Auftragsfall mit dem Auftragswert verrechnet wird.

Fast freue ich mich auf die unbedarfte Anfrage des nächsten Umtüters, dem ich meine Liste dann kalt lächelnd um die Ohren hauen kann.

(297 Wörter)

 
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Verfasst von - 2. Mai 2011 in Japanisch, Umtüter