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Warum ich nicht mehr für die Umtüter arbeite

26 Mai

Neulich bekam ich mal wieder eine Anfrage von einer großen, großen Übersetzungsagentur, die ebenso viele Buchstaben hat wie die Zeitung mit den großen, großen Buchstaben. Ich antwortete, dass ich mich entschlossen hätte, nicht mehr mit diesem Unternehmen zusammenzuarbeiten, und bat darum, meine Daten aus der Datenbank zu löschen. Was für ein befriedigendes Gefühl. Tschüß, Umtüter!

Früher dachte ich ja, solange sie bereit sind, meine Preise zu zahlen, arbeite ich auch für solche Agenturen. Und das taten sie durchaus, wenn meine Spezialisierung gefragt war. Doch vor einiger Zeit meldete sich dann doch mein Gewissen. Ich weiß, dass besagtes Unternehmen seinen treuen, langjährigen Mitarbeitern nicht mehr zahlt als 50 Cent pro Zeile. Sie haben ein reguläres Zahlungsziel von 60 Tagen und zahlen „unter Vorbehalt“ mit der Option, Rückforderungen zu stellen, falls der Kunde irgendwann später mal reklamiert. Bei meinem letzten Auftrag (Japanisch-Deutsch) vergeudete ich hinterher wertvolle Arbeits- und Lebenszeit damit, einem des Japanischen unkundigen Korrektor zu erklären, warum meine Übersetzung sehr wohl richtig ist. Dem Kunden wird damit eine Qualitätssicherung verkauft, die keine ist, weil der Korrektor nur überprüfen kann, ob die Zahlen aus dem japanischen Text auch im deutschen gelandet sind.

Solche Geschäftspraktiken kann und will ich nicht länger unterstützen, das bin ich meiner Berufsehre schuldig. Außerdem ging mir endlich auf, dass ich mit meiner guten Arbeit, die sie unter ihrem Namen verkaufen, ihnen einen guten Ruf verschaffe, den sie eigentlich nicht verdient haben. Und schließlich will ich mehr sein als ein Datensatz. Ich will echte Kundenbeziehungen pflegen und kein austauschbares Rädchen im Getriebe sein. Deswegen arbeite ich nicht mehr für die Umtüter.

(Die Agentur mit den wenigen Buchstaben sei hier nur exemplarisch genannt, dasselbe gilt auch für alle anderen Platzhirsche.)

(278 Wörter)

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3 Kommentare

Verfasst von - 26. Mai 2011 in Übersetzeralltag, Umtüter

 

3 Antworten zu “Warum ich nicht mehr für die Umtüter arbeite

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