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Archiv für den Monat Juni 2011

Japanisch übersetzen

Wenn ich eine Anfrage für eine Übersetzung aus dem Japanischen bekomme, sage ich dem potenziellen Kunden, dass die Übersetzung etwa doppelt so aufwendig ist wie eine Übersetzung aus dem Englischen oder Französischen und ich daher auch ziemlich genau das Doppelte dafür verlange. Aber was genau macht sie eigentlich so aufwendig? Mal sehen, ob ich das in 300 Wörtern erklären kann.

Wenn ich z. B. einen englischen Begriff nicht kenne, schlage ich ihn einfach unter seinem Anfangsbuchstaben im Wörterbuch nach. Bei einem japanischen Begriff dagegen muss ich erst mal wissen, wie er ausgesprochen wird, um ihn nachschlagen zu können. Die meisten Nomen bestehen aus 2 sinojapanischen Zeichen, den Kanji. (Das Japanische verwendet eine Mischung aus 3 Alphabeten, von denen 2 Silbenalphabete mit je 50 Zeichen sind. Das dritte besteht aus den aus China eingewanderten Kanji; es gibt 1945 „offizielle“ Kanji, die ausreichen, um behördliche Verlautbarungen u. Ä. zu lesen, für Bücher braucht man rund 3000.) Will ich nun ein Kanji im Kanji-Wörterbuch nachschlagen, muss ich es sezieren.

Beispiel: Das Wort 猫 (neko = Katze) besteht aus einem linken und einem rechten Teil (der rechte wiederum aus einem oberen und einem unteren, aber das hat hier keine Bedeutung). Der linke Teil ist das sogenannte Radikal, unter dem es im Wörterbuch aufgeführt ist. In diesem Fall ist das ironischerweise das Radikal犭mit der Bedeutung „Hund“. Jetzt zähle ich die Striche des Zeichens (hier: 11), schlage unter dem Radikal im Wörterbuch nach und finde das Zeichen je nach Wörterbuch unter 11 (Gesamtstrichzahl) oder 8 (Strichzahl ohne Radikal) Strichen. Nun kenne ich endlich die Lesung und kann es im Japanisch-Deutsch-Wörterbuch erneut nachschlagen.

Einfacher ist es natürlich, wenn der Text elektronisch vorliegt und ich die Zeichen per copy & paste suchen kann. Das ist aber immer noch eher die Ausnahme! Unerwähnt bleibt hier, dass es meist mehrere mögliche Lesungen gibt … Wird klar, was ich mit „doppeltem Aufwand“ meine?

(300 Wörter)

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Verfasst von - 27. Juni 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

Recherchekönigin

Wenn Übersetzerinnen eins können, dann recherchieren. Ich bin bestimmt nicht die Einzige, die ganze Vormittage mit der Pirsch auf einen einzigen Begriff verbringt, falschen Fährten folgt, die Witterung erneut aufnimmt, ihn weiter in die Enge treibt, um dann triumphierend „HA! HAB ICH DICH!“ zu rufen, wenn ich ihn erwischt habe. Der Stolz, mit dem der mühsam erjagte Begriff dann im Glossar verewigt wird, ist der eines Jägers, der seinen Zwölfender über den Kamin hängt.

Aber wie stellt man es an, dieses Heranpirschen, Einkreisen und Erlegen des Gesuchten? Erst mal wird natürlich gegoogelt. (Als ich anfing mit dem Übersetzen, gab es übrigens nicht nur dieses Verb noch nicht, es gab nicht mal Google! Man stelle sich vor! Damals war AltaVista noch die Suchmaschine meiner Wahl. Und als ich dann in einer Newsgroup den Geheimtipp mit der neuen Suchmaschine aufschnappte, konnte man nicht etwa Seiten in beliebigen Sprachen durchsuchen – wenn ich etwas Japanisches suchte, musste ich die japanische Google-Seite aufrufen, die deutsche fand nichts.) Meistens findet man so am schnellsten, wonach man sucht, aber wenn das Thema sehr speziell ist, ist das Internet irgendwann einfach zu Ende. Und was dann?

Meine nächstliebste Strategie: Ich gehe in die Bücherei. Da finde ich einerseits Wörterbücher, zum anderen aber auch Fachbücher, Lehrbücher, Sekundärliteratur, ohne die es manchmal einfach nicht geht.

Gelegentlich reicht aber auch das Bücherwissen nicht aus. Dann gehe ich Menschen fragen. Gerade vor ein paar Tagen suchte ich verzweifelt nach einem fischereilichen Begriff, bis ich endlich die Nerven verlor und einen Experten vom IFM-GEOMAR anmailte. Ich bekam innerhalb von 15 Minuten eine äußerst freundliche und kompetente Antwort, die mein Problem löste. Diese Strategie hat mir überhaupt schon häufig aus der Patsche geholfen, ob es nun um Plasmaschneidegeräte, Numerologie, Schmetterlinge oder französische Surfbegriffe ging. Letztendlich geht doch nichts über Menschen, die sich auskennen!

(299 Wörter)

 
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Verfasst von - 15. Juni 2011 in Übersetzeralltag, Trickkiste

 

Nachtrag: Markt und Preise

Ich hatte es ja befürchtet: Das Thema Übersetzungsmarkt und Preise lässt sich eigentlich nicht in 300 Wörtern abhandeln. Zu komplex, zu vielschichtig für knappe Aussagen. Deswegen war ich mit meinem ersten Artikel zu dem Thema auch nicht so recht zufrieden, da fehlte noch so einiges. Hier also noch ein paar ergänzende Gedanken dazu.

Ich will ja gar nicht bestreiten, dass der Preisdruck insgesamt zugenommen hat. Im großen Massenmarkt für Allerweltsübersetzungen drängen sich immer mehr KollegInnen aus dem In- und Ausland, und natürlich führt nach den allgemein bekannten Marktgesetzen ein größeres Angebot zu sinkenden Preisen. Aber, und darauf wollte ich eigentlich hinaus, außerhalb dieses Massenmarkts gelten andere Gesetze. Wer nicht nur einen fremdsprachlichen Text irgendwie in eine andere Sprache übertragen lassen will, sondern darauf Wert legt oder darauf angewiesen ist, dass dieser Text in der anderen Sprache auch die ihm zugewiesene Funktion erfüllt, der sucht eben nicht irgendeinen Übersetzer, sondern einen spezialisierten, einen, der mehr bietet als die Konkurrenz – ob das nun eine besondere Begabung beim Formulieren von Werbetexten ist oder spezielle Fachkenntnisse in der Botanik. Und in diesem Marktsegment ist der Preis oft nicht mehr unbedingt das oberste Entscheidungskriterium, weil der Kunde keine Wörter kauft, sondern die Lösung einer gestellten Aufgabe.

Das Zauberwort heißt also Spezialisierung, das ist ja nun keine neue Erkenntnis. Ich kann einfach das kollektive Gejammer nicht mehr hören, wir müssten alle bald wahlweise kellnern gehen oder am Hungertuch nagen. Die Märkte ändern sich, das ist wahr, aber als UnternehmerInnen haben wir die Pflicht, darauf zu reagieren, statt Klagelieder anzustimmen. Ich bin der Meinung, man kann sehr wohl vom Übersetzen leben – wenn man die Herausforderung annimmt und flexibel und kreativ auf Markttrends reagiert.

Oder wie seht ihr das?

(282 Wörter)

 
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Verfasst von - 3. Juni 2011 in Übersetzeralltag, Unternehmeralltag

 

„Du machst den Markt kaputt!“

Es gibt nur wenige Themen, bei denen Übersetzer sich einerseits so zieren, konkret zu werden, andererseits aber eine so explizite Meinung haben wie beim Thema Preise. Groß ist die Empörung, wenn wieder irgendwo ein Job für 2 Cent pro Wort angeboten wird. Noch größer wird sie ob der unweigerlichen Feststellung, dass sich auch zu diesen Dumpingpreisen jemand finden wird, der es macht. „Diese unsolidarischen Billigheimer! Die machen doch den Markt kaput!“, heißt es dann. Auch bei Übersetzerstammtischen wird dem Neuling, der gerade erst eingestiegen ist und am unteren Ende der Skala anfängt, weil es zu diesen Preisen natürlich auch immer Arbeit gibt, gerne um die Ohren gehauen: „Bist du denn verrückt? Du kannst doch nicht für solche Preise arbeiten, du machst doch den Markt kaputt!“

Ich gebe zu, genau so habe ich auch jahrelang eine befreundete Lektorin bearbeitet, die sich in meinen Augen weit unter Wert verkauft. Inzwischen sehe ich das allerdings etwas differenzierter. Ich denke nämlich, es gibt ihn gar nicht, den einen Markt. Oder sagen wir, er besteht aus vielen Segmenten, die sich teilweise zwar überlappen, teilweise aber auch gar nichts miteinander zu tun haben. Ich konkurriere nicht mit Freizeitübersetzern (oder was auch immer Menschen dazu bewegt, für ein Taschengeld zu arbeiten) und ich arbeite nicht mit Agenturen zusammen, die ihren Kunden entweder nicht den wahren Wert ihrer verkauften Leistung verständlich machen können oder aber eine unverschämt hohe Marge einbehalten. Es gibt nämlich durchaus Kunden – auch Agenturen! –, die ihre Übersetzer vernünftig bezahlen, wie Kollege Kevin Lossner hier so treffend beschrieb.

Natürlich bin ich auch der Meinung, wer gute Arbeit leistet, soll vernünftige Preise dafür verlangen. Das ist er seiner Selbstachtung schuldig. Aber meinen Markt macht mir damit niemand kaputt – höchstens ich selbst. Und ich werde mich hüten!

(291 Wörter)

 
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Verfasst von - 3. Juni 2011 in Übersetzeralltag