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Nachtrag: Markt und Preise

03 Jun

Ich hatte es ja befürchtet: Das Thema Übersetzungsmarkt und Preise lässt sich eigentlich nicht in 300 Wörtern abhandeln. Zu komplex, zu vielschichtig für knappe Aussagen. Deswegen war ich mit meinem ersten Artikel zu dem Thema auch nicht so recht zufrieden, da fehlte noch so einiges. Hier also noch ein paar ergänzende Gedanken dazu.

Ich will ja gar nicht bestreiten, dass der Preisdruck insgesamt zugenommen hat. Im großen Massenmarkt für Allerweltsübersetzungen drängen sich immer mehr KollegInnen aus dem In- und Ausland, und natürlich führt nach den allgemein bekannten Marktgesetzen ein größeres Angebot zu sinkenden Preisen. Aber, und darauf wollte ich eigentlich hinaus, außerhalb dieses Massenmarkts gelten andere Gesetze. Wer nicht nur einen fremdsprachlichen Text irgendwie in eine andere Sprache übertragen lassen will, sondern darauf Wert legt oder darauf angewiesen ist, dass dieser Text in der anderen Sprache auch die ihm zugewiesene Funktion erfüllt, der sucht eben nicht irgendeinen Übersetzer, sondern einen spezialisierten, einen, der mehr bietet als die Konkurrenz – ob das nun eine besondere Begabung beim Formulieren von Werbetexten ist oder spezielle Fachkenntnisse in der Botanik. Und in diesem Marktsegment ist der Preis oft nicht mehr unbedingt das oberste Entscheidungskriterium, weil der Kunde keine Wörter kauft, sondern die Lösung einer gestellten Aufgabe.

Das Zauberwort heißt also Spezialisierung, das ist ja nun keine neue Erkenntnis. Ich kann einfach das kollektive Gejammer nicht mehr hören, wir müssten alle bald wahlweise kellnern gehen oder am Hungertuch nagen. Die Märkte ändern sich, das ist wahr, aber als UnternehmerInnen haben wir die Pflicht, darauf zu reagieren, statt Klagelieder anzustimmen. Ich bin der Meinung, man kann sehr wohl vom Übersetzen leben – wenn man die Herausforderung annimmt und flexibel und kreativ auf Markttrends reagiert.

Oder wie seht ihr das?

(282 Wörter)

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2 Kommentare

Verfasst von - 3. Juni 2011 in Übersetzeralltag, Unternehmeralltag

 

2 Antworten zu “Nachtrag: Markt und Preise

  1. Simone

    3. Juni 2011 at 23:45

    Kann da nur zustimmen, auch und vor allem zu dem vorigen Beitrag. Dieses Gejammer über angebliche Marktgefährdungen ist nicht nur nervig, sondern auch realitätsfern. In keinem anderen Berufsfeld verdient der Neueinsteiger so viel wie der Firmenchef. Warum also bei uns? Warum macht der frischgebackene Uniabsolvent den Markt kaputt, wenn er ein paar Cent weniger verlangt als sein Kollege mit 30 Jahren Erfahrung? Das Argument, dass beide denselben Preis fordern sollten – damit der arme Markt nicht zusammenbricht – würde ja implizieren, dass sie auch beide über dieselben Erfahrungen und Kenntnisse verfügen. Tun sie aber nicht. Und einem seriösen Kunden ist das völlig klar. (Und dass eine Hausfrau in der Dritten Welt mit ein paar Freizeitübersetzungen bei Nacht keine Qualität bietet und unseren Markt nicht kaputtmachen wird, ist wohl unbestritten und daher irrevelant. Und diese 2-Cent-Angebote aus Indien interessieren mich nicht die Bohne.) Von daher: meiner Erfahrung nach, meckern immer die am lautesten, die zwar schon lange dabei sind und Erfahrung besitzen (angeblich), diese aber offenbar in keinster Weise zu ihren Gunsten vermarkten können. In diesem Sinne: meinem Markt geht’s ebenfalls gut und ich werd genau wie du dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Solln die andern mal ruhig weitermeckern, wenn’s ihnen Spaß macht. 🙂

     
    • frenja

      4. Juni 2011 at 11:25

      Good point, Simone. Ich habe am Anfang meiner Karriere auch andere Preise genommen als heute, auch wenn mir meine Übersetzungen von damals heute nicht peinlich sein müssen. Aber 11 Jahre Erfahrung (nicht zuletzt im Umgang mit Kunden, im Erspüren ihrer Bedürfnisse, im Finden von Alternativlösungen etc.) inklusive regelmäßiger fachlicher Weiterbildung müssen sich ja auch irgendwie bemerkbar machen. Wer nur Wortpreise vergleicht und sich danach den „passendsten“ Übersetzer aussucht, der landet nicht bei mir, aber damit kann ich leben. Nicht, dass es bei mir niemals Flauten gibt und ich nicht auch mal gelegentlich einen (aus meiner Sicht) unterbezahlten Job annehme, aus welchen Gründen auch immer – aber Flauten kennen auch die Billigheimer (denn es gibt immer jemanden, der auch die noch unterbietet – Preis als Alleinstellungsmerkmal funktioniert einfach nur für einen) und ich erlebe gerade, dass Spezialkenntnisse manchmal so gefragt sind, dass ganz normale Agenturen auch mal das Doppelte der angeblich üblichen Preise zahlen. So was hat natürlich auch immer ein bisschen mit Glück zu tun, aber eben auch mit jahrelanger Vorarbeit.

      Und das mit den verschiedenen Märkten gilt auch für meine Arbeit. Für Spieleübersetzungen kann man nicht dasselbe verlangen wie für Medizinübersetzungen, ja nicht mal wie für normale Übersetzungen. Das ist ein eigener Markt mit ganz anderen Margen, Terminzwängen und Strukturen. Auch Buchübersetzungen folgen anderen Gesetzen, aber solange ich auf meinen Schnitt (sprich: den gewünschten Stundenlohn) komme, ist für mich alles in Butter.

       

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