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Japanisch übersetzen

27 Jun

Wenn ich eine Anfrage für eine Übersetzung aus dem Japanischen bekomme, sage ich dem potenziellen Kunden, dass die Übersetzung etwa doppelt so aufwendig ist wie eine Übersetzung aus dem Englischen oder Französischen und ich daher auch ziemlich genau das Doppelte dafür verlange. Aber was genau macht sie eigentlich so aufwendig? Mal sehen, ob ich das in 300 Wörtern erklären kann.

Wenn ich z. B. einen englischen Begriff nicht kenne, schlage ich ihn einfach unter seinem Anfangsbuchstaben im Wörterbuch nach. Bei einem japanischen Begriff dagegen muss ich erst mal wissen, wie er ausgesprochen wird, um ihn nachschlagen zu können. Die meisten Nomen bestehen aus 2 sinojapanischen Zeichen, den Kanji. (Das Japanische verwendet eine Mischung aus 3 Alphabeten, von denen 2 Silbenalphabete mit je 50 Zeichen sind. Das dritte besteht aus den aus China eingewanderten Kanji; es gibt 1945 „offizielle“ Kanji, die ausreichen, um behördliche Verlautbarungen u. Ä. zu lesen, für Bücher braucht man rund 3000.) Will ich nun ein Kanji im Kanji-Wörterbuch nachschlagen, muss ich es sezieren.

Beispiel: Das Wort 猫 (neko = Katze) besteht aus einem linken und einem rechten Teil (der rechte wiederum aus einem oberen und einem unteren, aber das hat hier keine Bedeutung). Der linke Teil ist das sogenannte Radikal, unter dem es im Wörterbuch aufgeführt ist. In diesem Fall ist das ironischerweise das Radikal犭mit der Bedeutung „Hund“. Jetzt zähle ich die Striche des Zeichens (hier: 11), schlage unter dem Radikal im Wörterbuch nach und finde das Zeichen je nach Wörterbuch unter 11 (Gesamtstrichzahl) oder 8 (Strichzahl ohne Radikal) Strichen. Nun kenne ich endlich die Lesung und kann es im Japanisch-Deutsch-Wörterbuch erneut nachschlagen.

Einfacher ist es natürlich, wenn der Text elektronisch vorliegt und ich die Zeichen per copy & paste suchen kann. Das ist aber immer noch eher die Ausnahme! Unerwähnt bleibt hier, dass es meist mehrere mögliche Lesungen gibt … Wird klar, was ich mit „doppeltem Aufwand“ meine?

(300 Wörter)

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10 Kommentare

Verfasst von - 27. Juni 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

10 Antworten zu “Japanisch übersetzen

  1. Blauraum

    27. Juni 2011 at 10:39

    Wenn es nur um die Zeichen geht… das finde ich ist eher das kleinere Übel. Und in der Regel sollte man ja als Übersetzerin schon einige Kanji – zumindest neko – kennen oder? 😉 Aber natürlich ist es zeitaufwändig. Aber gibt es nicht viel größere Probleme auf grammatischer Ebene und Ausdrucksebene?

     
    • frenja

      27. Juni 2011 at 10:58

      Das war natürlich erst der Anfang. 🙂 Klar kennt man viele Zeichen (obwohl, wenn man nicht jeden Tag damit zu tun hat, vergisst man sie leider auch ganz schnell immer wieder, zumindest die Lesung), aber ein weiteres Problem der japanischen Sprache ist, dass es so furchtbar viele Homophone gibt. Die ganze Sprache besteht mehr oder weniger aus 50 Silben, da sind die Kombinationsmöglichkeiten viel beschränkter als z. B. bei 26 Einzelbuchstaben. Ich bin wahrscheinlich nicht die Einzige, die sich ums Verrecken nicht merken kann, ob ein bestimmtes Zeichen nun sho gelesen wird oder shô (mit langem o) oder doch shu oder vielleicht shû? Sprich, ich muss dank meines kurzlebigen Gedächtnisses (frag mich mal, warum ich keine Dolmetscherin geworden bin …) doch immer wieder eigentlich bekannte Zeichen nachschlagen.

      Die japanische Grammatik ist eigentlich sehr übersichtlich, da gibt es gar nicht viel. Zwei Zeiten, keine grammatikalischen Geschlechter, kein Singular oder Plural. Andererseits ist sie dadurch natürlich extrem kontextabhängig, das ist dann die andere große Schwierigkeit. Isabel Bogdan hat in ihrem Blog in einem sehr aufschlussreichen Interview mit der Japanisch-Übersetzerin Ursula Gräfe darüber gesprochen, da wird es recht deutlich.

      Um auf deine Frage zu antworten: Nein, die Grammatik ist nicht das Problem, mich persönlich halten meistens tatsächlich die Zeichen am längsten auf. Wenn ich erst mal alle Lesungen eines Satzes entschlüsselt habe, ist er meist schnell übersetzt.

       
  2. sarahsauersd

    27. Juni 2011 at 11:15

    Hach ja, KANJI!
    Ich bin sehr erleichtert, dass sich auch noch gestandene Übersetzer damit quälen! Dann muss ich mich nicht ganz so dafür schämen, bei meiner letzten Übersetzungsklausur immer noch 3/4 der Zeit mir Kanjiraussuchen verbracht zu haben(^_^;;)

     
    • frenja

      27. Juni 2011 at 11:27

      Ich KANN mir die Dinger einfach nicht merken, einige Kommilitonen hatten das damals auch wesentlich besser drauf. Ein ständiger Quell der Frustration. 😉 Ich nehme an, wenn ich wirklich jeden Tag was Japanisches auf dem Tisch hätte, wäre ich auch schneller, aber leider kommen die Aufträge sporadisch genug, um zwischendurch alles wieder zu vergessen …

       
  3. Thorsten Fuger

    6. November 2014 at 13:10

    Hi Frenja,
    ich hab da mal eine Frage^^ … Ich hab jetzt mit den Übungsblättern von Japaniac Hiragana und Katakana gelernt. Leider gibt es dort nichts zu Kanji und dem generellen Lernen von Japanisch. Wie sollte ich jetzt am besten anfangen, damit ich es „einfach“ habe? Gute Übungsbücher fänd ich auch sehr hilfreich! Und sollte ich Kanji vorher lernen oder beides gleichzeitig? Ich will nichts falsch machen <.<

     
    • frenja

      6. November 2014 at 13:29

      Hallo Thorsten,
      vorweg erst mal: „Einfach“ gibt es nicht beim Japanischlernen. 😉 Japanisch ist nach meiner Erfahrung eine Sprache, die sich noch weniger als andere allein zu Hause aus Büchern lernen lässt. Ich hatte ganze 5 Jahre Japanischunterricht in der Schule und habe trotzdem erst in Japan angefangen, die Konzepte dahinter wirklich zu verstehen. Vorher war die Sprache nur Theorie, wie Latein, ein exotisches Hobby. In den ersten drei Wochen in Japan habe ich praktisch die gesamte Grammatik aus den fünf Schuljahren im Schnelldurchgang wiederholt, nebenbei im Alltag, und dabei sind so viele Groschen gefallen, dass es quasi permanent klingelte. Auch die Katakana, mit denen ich in Deutschland immer Mühe hatte, weil sie für mich so verdammt ähnlich aussahen, konnte ich plötzlich, weil ich sie einfach überall sah und automatisch wiederholte und im Geiste übte.

      Als ich nach dem Jahr in Japan an die Uni kam, merkte ich deutlich den Unterschied zu meinen Kommilitonen: Ich hatte deutlich weniger Probleme mit dem Hörverständnis und dem Sprechen, während sie im Propädeutikum mehr Vokabeln und Kanji gelernt hatten als ich. Das änderte sich erst, als sie zwei Auslandssemester in Japan eingelegt hatten, dann hatten auch sie die Sprache tatsächlich „begriffen“.

      Ich würde mir an deiner Stelle erst mal einen VHS-Kurs suchen zum Einsteigen. Hiragana, Katakana, Kanji, Grammatik, Vokabeln, Hören, Sprechen, Schreiben, das gehört alles zusammen, das muss man gleichzeitig lernen. (Wobei, es ist schon clever, mit den Silbenalphabeten anzufangen, das ist eine gute Grundlage.) Es gibt auch Sprachkurse zum Selbstlernen für Japanisch, mit CD oder wie immer man das heute macht, aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass das gut funktioniert. Meine Kanji-Lücken habe ich in der Uni mit dem „Handbuch und Lexikon der japanischen Schrift“ von Langenscheidt gefüllt, davon gibt es auch ein Übungsbuch. Langenscheidt hat auch ein Lernwörterbuch. Das alles sind sicher gute Einsteigermaterialien. Zu sonstigen Lehrbüchern kann ich dir nicht viel sagen, weil unsere Lehrerin in der Schule ihr selbst entwickeltes Lehrmaterial benutzt hat und wir an der Uni nach dem Propädeutikum keine Lehrbücher in dem Sinne mehr hatten, da der Spracherwerb nicht mehr im Mittelpunkt stand, sondern das Übersetzen.

       
      • Thorsten Fuger

        6. November 2014 at 14:57

        Vielen Dank für die schnelle Antwort! Ich hab mir schon gedacht, dass es nicht so einfach wird. Aber das soll einen ja nicht entmutigen. An einen VHS-Kurs hab ich auch schon gedacht, aber sind die bei uns vergleichsweise teuer. Da muss ich wohl etwas sparen.
        Das Handbuch, was du verlinkt hast, kenne ich sogar. Ein Freund hat das. Wenn das so nützlich ist, wie du sagst, werde ich mir das wohl auch mal anschaffen.
        Ich bin auch schon auf der Suche nach einem Tandempartner. Hab gelesen, dass das hilft.

        Vielen Dank für die Infos und Tipps!^^

         

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