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Archiv für den Monat Juli 2011

Von Erdnüssen und Affen: eine Trostgeschichte

Wenn ich mich mal allzu sehr über unverschämt niedrige Preisvorstellungen gewisser Agenturen ärgere oder über die „Kollegen“, die solche Jobs dann auch noch annehmen (obwohl ich dem ja meist durch mein Mantra „anderer Markt, ganz anderer Markt“ zu begegnen versuche), dann denke ich manchmal an eine Geschichte, die mir vor vielen Jahren passiert ist.

Ich hatte mich auf proz.com auf ein Projekt beworben (für die jüngeren Leser: Das war in den goldenen Zeiten, als man dort tatsächlich noch gelegentlich eine Chance hatte, ein schönes Projekt über die ganz normale Ausschreibung zu ergattern – wirklich, das gab‘s!), die Übersetzung eines Playstation-Spiels. Meine Probeübersetzung überzeugte, ich bekam den Job für 7 Cent pro Wort. Nicht gerade üppig, aber für Computerspiele durchaus noch im Rahmen. Ich arbeitete parallel mit einem tollen französischen Kollegen an der Übersetzung, unsere Fragen an den Projektmanager ergänzten sich prima, wir waren ein gutes Team. Es kam noch ein Folgeauftrag, bei dem ich vergeblich versuchte, einen besseren Wortpreis auszuhandeln. Tja, schlecht gepokert am Anfang, dachte ich mir, trotzdem waren das schöne Aufträge, die mir einen Riesenspaß machten.

Eines Tages machte mich der französische Kollegen per Mail darauf aufmerksam, dass der Auftraggeber das neueste Projekt wieder über proz ausgeschrieben hatte und diesmal offenbar nicht mehr als 6 Cent zahlen wollte. Wir waren empört, schließlich hatten wir gute Arbeit geleistet, die waren doch schön blöd, uns nicht wieder zu fragen! Pah, die würden schon sehen, was sie davon hätten, trösteten wir uns gegenseitig.

Man kann sich vielleicht vorstellen, wie breit ich grinste, als ich einige Monate später wieder eine Anfrage von besagtem Auftraggeber bekam über ein Riesenprojekt von 50.000 Wörtern – und man mir 10 Cent pro Wort anbot. Hehe. Die hatten es dann wohl auf die harte Tour gelernt.

(286 Wörter)

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Verfasst von - 22. Juli 2011 in Übersetzeralltag

 

Unternehmen Freiheit

Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht viel Geduld mit jammernden Menschen habe, insbesondere im Berufsalltag. Klar, wir müssen alle mal Dampf ablassen und manchmal hilft ein wenig Mitleid von verständnisvollen KollegInnen schon sehr. Aber wer sich permanent über den furchtbaren Markt, die unverschämten Agenturen, die fallenden Preise etc. beschwert, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen, der beißt bei mir ziemlich bald auf Granit.

Ich sehe das so: Sobald ich beschließe, meine Dienste als Freiberuflerin anzubieten, bin ich nicht nur Angehörige des gewählten Berufsstandes, sondern auch Unternehmerin. Und als solche habe ich nicht nur das Recht auf Vorsteuerabzüge,  das steuerliche Absetzen von Geschäftsausgaben und sogar einen Metro-Ausweis, sondern auch gewisse Pflichten. Ich muss mich z. B. darüber informieren, wie eine korrekte Rechnung auszusehen hat, mich über relevante Gesetzesänderungen auf dem Laufenden halten und auch dafür sorgen, dass ich wirtschaftlich arbeite. Wenn ich das zu den mir angebotenen Preisen nicht kann, dann muss ich daran arbeiten, das zu ändern.

„Aber was soll ich denn machen?“, höre ich es jammern. „Die zahlen nun mal nicht mehr!“ Doch, tun sie – wenn man ihnen einen Grund gibt. Und da kommt wieder die unternehmerische Pflicht ins Spiel: Es ist meine Aufgabe als Unternehmerin, ein Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln, wie man so schön sagt, eben einen Grund, warum ich Preis x verlangen kann und mich nicht mit y abspeisen lasse. Wenn ich keine Spezialisierung habe, muss ich mir eben eine erarbeiten. Oder mir zusätzliche Dienstleistungen überlegen, die ich anbieten kann. Irgendwas, aber ich muss mir Gedanken machen und mich nicht nur beklagen.

Das Internet ist voller hervorragender Blogs für Freiberufler, es gibt tolle Bücher zum Thema „Erfolgreich selbstständig“, also macht euch schlau. Lest, lernt, guckt ab, denkt euch was aus. Aber bitte, BITTE hört auf zu jammern.

(291 Wörter)

 
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Verfasst von - 13. Juli 2011 in Unternehmeralltag

 

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Über „Sinn machen“ hatte ich mich ja schon ausgelassen. Es gibt da aber noch so eine Formulierung, die mir die Zehennägel aufrollt: die gute/schöne Zeit. Erst hörte man das ja nur in schlampig synchronisierten Fernsehserien, wenn eine Darstellerin der anderen so etwas erzählte wie: „Ich war neulich mit Jack auf den Bahamas, das war toll! Wir hatten eine echt gute Zeit da.“ Aber in letzter Zeit höre ich das immer häufiger auch in deutschen Serien oder gar von echten Menschen, die mir doch allen Ernstes eine „schöne Zeit“ wünschen, wenn ich beispielsweise von einem bevorstehenden Urlaub erzähle.

Hallo? Was ist denn aus dem guten alten „Viel Spaß!“ oder „Erhol dich gut!“ geworden? Natürlich kann man sagen: „Wir haben eine wunderschöne Zeit in Portugal verbracht“, das ist standardsprachlich und korrekt. Aber bitte, bitte kommt mir doch nicht mit Formulierungen wie „Wir hatten da ’ne tolle Zeit“ oder „Ich wünsche dir eine schöne Zeit auf den Bahamas“ – sagt doch wieder „Es war richtig toll da“ oder „Wir hatten jede Menge Spaß da“ und wünscht mir lieber einen „schönen Urlaub“. Bitte.

Vielleicht bin ich da ja auch zu empfindlich. Aber mit den sprachlichen Zehenaufrollern ist es wie mit dem Messerquietschen auf dem Teller – manchen macht das nichts aus, andere gehen die Wände hoch. Ich kriege davon Ausschlag.

(218 Wörter)

 
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Verfasst von - 4. Juli 2011 in Übersetzungsfallen