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Von Erdnüssen und Affen: eine Trostgeschichte

22 Jul

Wenn ich mich mal allzu sehr über unverschämt niedrige Preisvorstellungen gewisser Agenturen ärgere oder über die „Kollegen“, die solche Jobs dann auch noch annehmen (obwohl ich dem ja meist durch mein Mantra „anderer Markt, ganz anderer Markt“ zu begegnen versuche), dann denke ich manchmal an eine Geschichte, die mir vor vielen Jahren passiert ist.

Ich hatte mich auf proz.com auf ein Projekt beworben (für die jüngeren Leser: Das war in den goldenen Zeiten, als man dort tatsächlich noch gelegentlich eine Chance hatte, ein schönes Projekt über die ganz normale Ausschreibung zu ergattern – wirklich, das gab‘s!), die Übersetzung eines Playstation-Spiels. Meine Probeübersetzung überzeugte, ich bekam den Job für 7 Cent pro Wort. Nicht gerade üppig, aber für Computerspiele durchaus noch im Rahmen. Ich arbeitete parallel mit einem tollen französischen Kollegen an der Übersetzung, unsere Fragen an den Projektmanager ergänzten sich prima, wir waren ein gutes Team. Es kam noch ein Folgeauftrag, bei dem ich vergeblich versuchte, einen besseren Wortpreis auszuhandeln. Tja, schlecht gepokert am Anfang, dachte ich mir, trotzdem waren das schöne Aufträge, die mir einen Riesenspaß machten.

Eines Tages machte mich der französische Kollegen per Mail darauf aufmerksam, dass der Auftraggeber das neueste Projekt wieder über proz ausgeschrieben hatte und diesmal offenbar nicht mehr als 6 Cent zahlen wollte. Wir waren empört, schließlich hatten wir gute Arbeit geleistet, die waren doch schön blöd, uns nicht wieder zu fragen! Pah, die würden schon sehen, was sie davon hätten, trösteten wir uns gegenseitig.

Man kann sich vielleicht vorstellen, wie breit ich grinste, als ich einige Monate später wieder eine Anfrage von besagtem Auftraggeber bekam über ein Riesenprojekt von 50.000 Wörtern – und man mir 10 Cent pro Wort anbot. Hehe. Die hatten es dann wohl auf die harte Tour gelernt.

(286 Wörter)

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4 Kommentare

Verfasst von - 22. Juli 2011 in Übersetzeralltag

 

4 Antworten zu “Von Erdnüssen und Affen: eine Trostgeschichte

  1. Francisco Kuhlmann

    23. Juli 2011 at 01:36

    Dnke für den Trost!

     
  2. GB Translation

    26. Juli 2011 at 12:14

    Eine schöne Erfahrung, so ähnliches hab ich auch schon mal erlebt. Nicht so sicher bin ich mich bei den „unverschämt“ niedrigen Preisvorstellungen… Es ist ja nicht so, dass die Agenturen so wenig zahlen, um uns zu ärgern… Das ist eben der Markt, oder? Es gibt eben Preise für normale und Preise für gute Übersetzer, genauso wie man sich eine billige Maus für den Computer kaufen kann, die dann eben nach ein paar Monaten den Geist aufgibt, oder eine gute, die ewig hält… Die Herausforderung für uns Übersetzer ist in diesem Fall, so gut zu arbeiten oder so schlau beim Verhandeln zu sein, dass wir in die oberen 20% gehören…

     
    • frenja

      26. Juli 2011 at 19:30

      Na, ich weiß nicht – wenn ich einen hochspeziellen medizinischen Text übersetzen soll, bis vorgestern natürlich, und man mir dafür nicht mehr als 8 Cent zu zahlen bereit ist, dann finde ich das schon unverschämt. Und solche Texte kann man eben keinem „billigen“ Übersetzer geben, wenn sie hinterher zu gebrauchen sein sollen. Eine gute Agentur kann den Schwierigkeitsgrad eines Textes bzw. die speziellen Fertigkeiten, die für eine gute Übersetzung desselben nötig sind, durchaus abschätzen und dem Kunden gegenüber auf dieser Grundlage einen angemessenen Preis plausibel machen. Umtüter können das nicht und können deshalb auch nicht beurteilen, ob ich „teuer“ bin oder nur angemessene Preise verlange. Wenn ich beim Autohändler einen Porsche verlange, aber nur für einen gebrauchten Skoda zu zahlen bereit bin, wird der das auch unverschämt finden.

       
  3. GB Translation

    27. Juli 2011 at 10:27

    Ja Frenja, du hast natürlich recht mit dem, was du sagst. Manchmal bekomme ich auch Angebote, da würde ich dem Anrufer am liebsten eine telefonische Ohrfeige verpassen. Es ist halt auch wahr, dass es unwahrscheinlich viele freiberufliche Übersetzer(innen) gibt, die sich jetzt seit Jahren über die niedrigen Preise beschweren. Da sage ich dann immer, man muss sich eben anpassen, der Übersetzungsprozess geht ja heute auch dank der Technologie doppelt so schnell. Faire Preise, ja! Preise wie vor 10 Jahren, hm, das wird sich halt nicht spielen! Als ich zu studieren begann, gab es in der Unibibliothek noch nicht einmal Computer! Da war das schon etwas ganz anderes, wofür man auch doppelt so viel zahlen musste. Nur, wer von uns Übersetzern würde das gegen den heutigen Übersetzeralltag eintauschen, auch wenn er damals mehr bezahlt bekam?

     

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