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Japanische Sprache – schwere Sprache

19 Okt

Wenn ich erzähle, dass ich aus dem Japanischen übersetze, ist die Standardantwort: „Oh, Japanisch! Ist das nicht furchtbar schwer?“ – „Ach“, erwidere ich dann bescheiden, „eigentlich auch nicht schwerer als andere Sprachen.“ Damit ernte ich dann noch mal erstaunte Blicke. Kann das denn sein, eine so exotische Sprache und trotzdem nicht unglaublich schwer?

Die Antwort lautet: Ja und Nein. Meiner Erfahrung nach gibt es in jeder Sprache ruhige Gewässer und tückische Untiefen, nur eben an jeweils anderen Stellen. So ist die deutsche Grammatik mit ihren drei Genera und den vier Kasus mit Sicherheit mühsam zu erlernen, dafür gilt sie aber als recht zuhörerfreundlich. Der Satz „Die Bücher liegen auf dem Tisch“ vermittelt gleich dreimal, dass das Subjekt im Plural steht, nämlich durch die Form des Artikels, des Nomens und des Verbs. Wer es dann noch nicht kapiert hat, der hat schlicht nicht aufgepasst.

Im Japanischen gibt es nicht viel Grammatik. Keinen Numerus, keine Verbkonjugation, nur zwei Zeiten: Gegenwart und Vergangenheit. Lernende können also recht bald eigene Sätze bilden und sich verständlich machen. Das wirklich Schwierige am Japanischen ist neben den vielen Schriftzeichen die ausgeprägte Kontextabhängigkeit. Wie im Lateinischen wird das Subjekt oft weggelassen, und da man dem Verb nicht ansieht, ob es im Singular oder im Plural steht, muss man oft höllisch aufpassen, dass man den Zusammenhang richtig begreift, sonst geht die Übersetzung daneben. Ich habe neulich einen kurzen, einfachen Brief übersetzt und wusste nicht, ob der Verfasser von sich oder von jemand anderem sprach, weil ich den Kontext nicht kannte und im ganzen Brief kein einziges Subjekt auftauchte. So etwas ins Deutsche zu bringen, diese präzise Sprache, die Schwammigkeiten nicht duldet und am liebsten alles festnageln will, ähnelt dem Versuch, mit bloßen Händen einen glitschigen Fisch zu fangen.

Na schön, ich korrigiere: Manchmal ist es doch ganz schön schwer.

(300 Wörter)

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5 Kommentare

Verfasst von - 19. Oktober 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

5 Antworten zu “Japanische Sprache – schwere Sprache

  1. Dondu N. Raghavan

    20. Oktober 2011 at 01:51

    Der jiddische Autor Shalom Alleichem soll einmal gesagt haben, „Jiddisch ist die einfachste Sprache in der Welt, ich kann nämlich ihre Texte 100% verstehen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Dondu N. Raghavan

     
  2. Miriam

    20. Oktober 2011 at 10:58

    Danke für diesen Einblick ins Japanische. Mich würde interessieren, wie du das Problem mit dem Brief gelöst hast. Nachfragen, Hilfe hinzuziehen, oder was anderes?

    Viele Grüße

    Miriam

     
  3. frenja

    20. Oktober 2011 at 11:06

    Da es natürlich wie immer schnell gehen musste, blieb keine Zeit für Nachfragen – ich habe entsprechende Anmerkungen im Dokument gemacht und dem PM geschrieben, der Kunde möge die Übersetzung nach seiner Kenntnis der Sachlage gegebenenfalls abändern.

     
  4. patenttranslator

    20. Oktober 2011 at 17:30

    Dear Frenja:

    I just ask my wife if I can’t understand who is the writer and who is the addressee in a letter.

    I don’t know how she does it, but she somehow always knows.

    What you need is a Japanese husband, or a better one if you already have one.

     
    • frenja

      20. Oktober 2011 at 19:27

      Nah, I’m quite happy with the non-Japanese model I’m recurring to. 🙂 But a Japanese friend now and then definitely comes in handy!

       

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