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Der Spaßfaktor

08 Nov

Als ich noch häufiger Filme und Serien übersetzte (was heute leider nur noch selten vorkommt, da die Synchronstudios heute offenbar nicht nur nicht mehr zahlen wollen als vor 10 Jahren, sondern sogar noch weniger), bekam ich von Kolleginnen häufig ein neidvolles „Oooh“ zu hören, wenn ich das erwähnte. „Wird leider nicht besonders gut bezahlt“, fügte ich dann meist tröstend hinzu. „Ja, aber dafür macht es doch sicher total viel Spaß!“, rief dann die neidische Kollegin oft.

Klar, das stimmte schon, es machte sogar saumäßig viel Spaß, sonst hätte ich es ja auch nicht getan. Dialoge übersetzen liegt mir, die Synchronregisseure waren immer sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Damit tröstete ich mich auch immer selbst über die schlechten Honorare hinweg, ich sah den Spaß an der Arbeit sozusagen als ergänzendes Zahlungsmittel an.

Bis mich eine andere Kollegin mal auf die Absurdität dieser Argumentation aufmerksam machte. Es ist doch so: Wenn wir an einer Arbeit Spaß haben, dann erledigen wir sie auch besser, als wenn wir uns dabei langweilen. Wir stecken mehr Energie hinein, beschäftigen uns oft länger damit, als es nötig wäre, weil es doch eben so einen Spaß macht. Das sieht man den Ergebnissen dann auch an. Eigentlich müsste man uns also mehr zahlen statt weniger – entweder haben wir so viel Spaß dran, weil wir es einfach gut können, was eine bessere Bezahlung rechtfertigen würde, oder wir geben uns noch mehr Mühe, weil wir motivierter sind, was zu besseren Ergebnissen führt, die ebenfalls eine bessere Bezahlung rechtfertigen würden.

Hm. Ob sich ein Spaßzuschlag am Markt wohl durchsetzen könnte? Ich fürchte ja nicht. Aber zumindest ist der Spaßfaktor für mich kein Grund mehr, weniger Geld zu verlangen.

(276 Wörter)

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10 Kommentare

Verfasst von - 8. November 2011 in Übersetzeralltag, Unternehmeralltag

 

10 Antworten zu “Der Spaßfaktor

  1. Fabio Said

    8. November 2011 at 12:18

    Gut so! Und wenn man daran denkt, dass es viele andere Übersetzer gibt, die ebenfalls den Spaßfaktor als »Bezahlung« empfinden, dann weiß man sofort, warum die Honorare in diesem Bereich so niedrig sind. Diese Leute helfen heftig mit beim Preisdumping, indem sie mit weniger Geld zufrieden sind und den Kollegen indirekt schwerer machen, anständigere Honorare zu verlangen. Ähnliches gilt übrigens auch für Literaturübersetzungen.

     
    • frenja

      8. November 2011 at 12:33

      Stimmt, bei Literaturübersetzungen ist das Missverhältnis noch größer. Allerdings ist da mein Widerstand auch noch schwächer – wer kann schon einem schönen Buch widerstehen, wenn es vor einem liegt und mit den Augen klimpert …

       
  2. Ulli

    8. November 2011 at 12:31

    Punkt getroffen! Gilt übrigens auch für Festangestellte, wir diskutieren das bei uns häufig, wenn die Personalchefin mal wieder versucht, das gute Arbeitsklima als Ersatz für Gehaltserhöhungen zu verkaufen. Deine Argumente merke ich mir für die nächste Runde!

     
    • frenja

      8. November 2011 at 12:35

      Zumal die Personalchefin das gute Arbeitsklima ja wohl nicht selbst gebacken hat, das seid ja wohl immer noch ihr, die das herstellen. Eigentlich ein Grund für mehr Gehalt, weil jeder Einzelne nicht nur seine Arbeit gut macht, sondern auch noch die anderen motiviert!

       
  3. Diandra

    8. November 2011 at 13:05

    Tja, damit wäre meine Theorie wieder bestätigt: Wenn man bei der Arbeit Spaß hat, kürzen sie einem gleich den Lohn. ^^

    (Oder, wie Pumuckl sagt: „Hammer traurig wegwerfen.“)

     
  4. Francisco

    8. November 2011 at 15:26

    Zu meiner Zeit als angestellter Übersetzer merkte ich gegenüber dem Arbeitgeber einmal an, dass der Spaß bei der Arbeit in dem Betrieb zu kurz kommen würde. Die rüde Antwort lautete, man sei dort ja auch schließlich nicht in der Disco! Nun denn, noch viel Arbeit für einen Spaßzuschlag!

     
    • frenja

      8. November 2011 at 15:34

      Pfft, und was hat er von der Einstellung? Richtig, einen guten Übersetzer weniger im Team! Manche Leute werden es nie verstehen, das mit dem Spaß und der Arbeit.

       
  5. Kevin Lossner

    9. November 2011 at 08:08

    Volltreffer 🙂

     
  6. Gabriel Brunner

    28. November 2011 at 17:28

    Ein interessanter Artikel, und ich muss auch zugeben, dass ich auch mal schon Arbeiten angenommen habe, weil mir das Thema eben gefiel, und vielleicht auch niedrigere Löhne verlangt habe. Aber ich denke mal, das sind doch alles Anfängerfehler, und nach ein paar Jährchen Arbeit als Übersetzer gewöhnt man sich solche Dinge eigentlich auch ab. Ich habe mich kürzlich für eine Übersetzung von Fußballtexten beworben, was mir eigentlich total liegt, und als die mich dann herunter handeln wollten, gab es auch einen Moment, wo ich fast sagte, „OK, ich machs! Ich will Fußballtexte übersetzen!“ Aber die Vernunft siegte dann doch.

     
  7. Isabel Bogdan

    28. Februar 2013 at 14:56

    Jawoll!

     

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