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Archiv für den Monat Dezember 2011

Lecker alleine reicht nicht.

Wie schon mehrfach erwähnt, war ich vor kurzem auf einem Fortbildungsseminar in Heidelberg. Abends trafen wir uns in geselliger Runde zum Abendessen in einem sehr hübschen Restaurant. Etwas schwer zu finden, aber gemütlich und mit Extraraum nur für uns. So weit, so gut.

Man hatte eine spezielle, reduzierte Karte für uns ausgelegt – verständlich bei rund 30 Personen. Das Problem war, dass wir trotzdem geschlagene anderthalb Stunden und mehr auf unser Essen warten mussten. Als es dann kam, war es zwar wirklich lecker, aber trotzdem verließen wir das Lokal insgesamt recht ungehalten, weil der Abend einfach nicht zufriedenstellend verlaufen war. Es gab auch keine wie immer geartete Entschädigung für die lange Wartezeit, obwohl mehrere Kolleginnen das explizit vorschlugen. Der Chef war nämlich schon gegangen.

Ich weiß nicht, wie es der geneigten Leserschaft geht, aber mir fallen da sofort gewisse Parallelen zum Freiberuflertum auf oder, konkreter, zum Dasein als „Sprachdienstleister/in“, wie es neudeutsch so schön heißt.

  • Schwer zu finden sollte man am besten nicht sein, sonst bleibt man ein Geheimtipp und muss sich auf Mundpropaganda verlassen. Das funktioniert aber nur, wenn auch ein triftiger Grund besteht, so eine Empfehlung abzugeben.
  • Die nackte Leistung (hier das Essen, in meinem Fall die Übersetzung) ist nicht alles, worauf es ankommt. Wie gesagt, das Essen war toll, aber ich würde das Restaurant trotzdem nicht weiterempfehlen. Ab und zu sollte man sich also fragen, ob das Drumherum auch stimmt und den Kunden glücklich macht. Wie kommuniziere ich mit meinen Kunden? Halte ich Lieferzeiten ein oder liefere gelegentlich sogar früher? Wie löse ich auftretende Probleme – proaktiv oder eher durch Aussitzen? Kurzum: Fühlt der Kunde sich gut aufgehoben und versorgt?

Es heißt, dass die erfolgreichsten Freiberufler gar nicht immer die Besten ihres Fachs sind, sondern die mit dem besten Service. Ich kann mir gut vorstellen, dass das stimmt.

(299 Wörter)

 
 

Sklaventreiber

Ich hatte ja vor einiger Zeit schon beschlossen, nicht mehr für die großen Umtüter zu arbeiten. Das war befreiend und fühlte sich gut an. Trotzdem erreichte mich vor etwa zwei Wochen die Rundmail eines solchen Ex-Kunden, in der die „Lieferanten“ über die Umstellung der Rechnungserfassung informiert wurden.

An sich nichts Spektakuläres. Ich habe schon von anderen Übersetzungsbüros Hinweise darauf bekommen, was auf die Rechnung gehört (einschließlich spezifischer Anforderungen wie Projektmanager oder Lieferantennummer, um die Bearbeitung zu beschleunigen) – die habe ich dankend zur Kenntnis genommen und bei der nächsten Rechnung geprüft, ob alle Angaben dabei waren.

In diesem Fall aber ging es nicht nur um Rechnungsdatum, Rechnungsnummer, Steuernummer und ähnlich allgemeine Dinge, sondern um ganz spezielle Wünsche Forderungen wie:

  • vor und hinter jeder Angabe muss ein Leerzeichen stehen
  • bei Sammelrechnungen muss die Auftragsnummer in einer Zeile mit den dazugehörigen Rechnungsbeträgen stehen
  • die verwendete Schriftart sollte Arial mit Schriftgröße 12 sein
  • die Rechnungsinformationen in schwarz drucken und farbige Hintergründe in den Textzeilen vermeiden

und dergleichen mehr. Und wehe, die Rechnung entspricht nicht diesen Vorgaben, dann käme es nämlich bei der Bearbeitung zu Verzögerungen des ohnehin schon sehr großzügigen Zahlungsziels von 60 Tagen netto.

Mal sehen, ob ich das richtig verstanden habe: Man setzt eine Software zum Einlesen der Rechnungen ein, um Mitarbeiter einzusparen und den eigenen Profit zu steigern, und verdonnert die „Lieferanten“ dazu, die Rechnungen ab sofort maschinenlesbar zu gestalten, sonst haben sie eben Pech und werden noch später bezahlt als ohnehin vorgesehen. Das verlangt man übrigens von denselben „Lieferanten“, denen man im Allgemeinen ungern mehr als 0,45 € pro Zeile bezahlt.

Also niedrigste Honorare plus totale Unterwerfung unter das Umtüter-System. Ich frage mich, ob die ihre „Lieferanten“ bald im Keller anketten.

(279 Wörter)

 
3 Kommentare

Verfasst von - 8. Dezember 2011 in Übersetzeralltag, Umtüter