RSS

Archiv für den Monat Mai 2012

Outsourcing

Neulich bekam ich eine Werbemail von einer lettischen Übersetzungsagentur. (Andere Übersetzer und auch Agenturen bewerben sich oft bei mir, gern auch mit exotischen Sprachenkombinationen wie Arabisch-Englisch. Vielleicht sollte ich den Hinweis „Alle Sprachen, alle Fachgebiete“ mal von meiner Homepage nehmen.) Diese Mail war sogar angenehm professionell gehalten, man hatte mir außerdem eine Preisliste und ein Dokument mit drei Fallstudien über von dieser Agentur bearbeitete Projekte angehängt.

Bei den Preisen keine große Überraschung, mit 0,08 € (osteuropäische Sprachen) bis 0,12 € (skandinavische Sprachen) für lettische Verhältnisse wahrscheinlich sogar eher gut. Wirklich umgehauen hat mich bei allen drei vorgestellten Projekten jeweils der Kunde: 1. „mittelständischer Sprachdienstleister in Italien“, 2. „eine der größten Übersetzungsagenturen in Europa“, 3. „renommierte Übersetzungsagentur aus den Niederlanden“.

Bearbeitet wurden die Sprachkombinationen IT>CZ/PL, EN>EE und EN<>DE, nicht in einem Fall hatte also Lettisch etwas mit der Wahl dieses Dienstleisters zu tun. Vielleicht bin ich ja total naiv, aber ist es wirklich ganz normal, dass eine Übersetzungsagentur einen großen, vermutlich lukrativen Auftrag an Land zieht und statt sich selbst die Mühe zu machen, geeignete Übersetzer zu finden und einen entsprechenden Workflow zu entwickeln und umzusetzen (Datenaufbereitung, Terminologiemanagement, Proofreading, Formatierung), das komplette Projekt an eine weitere Übersetzungsagentur ausgliedert und die einfach die ganze Arbeit machen lässt? Wenn es da um Sprachen ginge, für die sie nur selbst keine Stammübersetzer haben – na gut, aber Englisch/Deutsch? Wenn das nicht Umtüten ist, dann weiß ich auch nicht.

Ein interessanter Einblick in den europäischen Übersetzungsmarkt. Wie viel für den Übersetzer übrigbleibt, wenn noch zwei Agenturen an dem Projekt verdienen möchten, kann man sich vorstellen. Interessieren würde mich auch, wo sie zu diesen Preisen die vielen (wegen enger Deadlines) hochqualifizierten (wegen der anspruchsvollen Terminologie) Übersetzer herbekommen. Ich kenne jedenfalls keine KollegInnen, die zu diesen Bedingungen z. B. medizinische Texte übersetzen würden.

(292 Wörter)

 
 

2 hilfreiche Links für Japanisch-Übersetzer

Da ich für Japanisch und Französisch beim Berliner Landgericht ermächtigt bin, bekomme ich regelmäßig Dokumente auf den Tisch, die man für eine Eheschließung in Deutschland braucht. Für Japaner sind das Familienregisterauszug, Ehefähigkeitsbescheinigung und manchmal auch Meldebescheinigung. Ich übersetze solche Dokumente recht gern, weil sie standardisiert sind, also selten Überraschungen bergen, und auch, weil es irgendwie ein schönes Gefühl ist, zwei Menschen dabei behilflich zu sein, in ihr gemeinsames Leben zu starten. (Schon gut, ich habe romantische Adern an den unmöglichsten Stellen, ich weiß.)

Ohne zwei bestimmte Websites hätte ich dabei aber richtig Mühe. Die eine brauche ich für die Adressen – man kann sich dort ganz bequem von Präfektur über Landkreis oder Stadt bis zu Stadtbezirk und Unterbezirk durchklicken und bekommt die Lesungen, die häufig historisch gewachsen sind und herkömmlichen Regeln daher nicht unbedingt folgen, gleich mitgeliefert. Etwas problematischer wird es, wenn Landkreise im Zuge irgendwelcher Landreformen zusammengeworfen und umbenannt wurden, und solche Reformen gab es nicht gerade selten, gerade nach dem 2. Weltkrieg. Teilweise sind die alten Bezirke noch aufgeführt (leider in Weiß auf Grau, sehr schwer zu entziffern), manchmal muss ich aber auch die japanische Wikipedia bemühen. Je früher das Geburtsdatum, desto wahrscheinlicher hat es inzwischen mal eine Reform gegeben.

Apropos Geburtsdatum: Für die Daten brauche ich die zweite Website. In Japan werden die Jahreszahlen nämlich nicht in der uns bekannten Schreibweise angegeben, sondern als Herrschaftsjahre des gerade amtierenden Kaisers. Derzeit haben wir zum Beispiel das Jahr Heisei 24, also das 24. Jahr unter Kaiser Akihito, der sich den Äranamen Heisei („Frieden vollenden“) gegeben hat. Der Äraname ist so etwas wie ein Motto, unter den der Herrscher seine Herrschaftsperiode stellt. Da ich aber nicht dauernd umrechnen will, sehe ich schnell auf der Website nach, welchem Jahr das japanische Datum entspricht.

Eigentlich alles ganz einfach, wenn man weiß, wie es geht!

(299 Wörter)

 
2 Kommentare

Verfasst von - 25. Mai 2012 in Übersetzeralltag, Japanisch, Trickkiste

 

Immer schön strategisch denken

Eben las ich schon wieder einen Artikel darüber, wie man als Unternehmen richtig twittert. Man brauche eine „Twitter-Strategie“, lese ich oft, wahlweise auch eine „Facebook-Strategie“, um seine Marke zu positionieren, Bindung zu den potenziellen Kunden aufzubauen, gar eine „Community“ aufzubauen auf seiner Facebook-Business-Seite.

Ich will dazu mal eine provokante These in den Raum stellen: Wem man Twitter oder Facebook erst umständlich erklären muss, für den ist das wahrscheinlich nicht der richtige Kanal.

Ich selbst bin ja leidenschaftliche Twitter– und Facebook-Nutzerin. Ich nutze beides sowohl privat als auch beruflich, teilweise unter verschiedenen Accounts, manchmal gibt es auch Überschneidungen. Was ich aber nicht getan habe: mir vorher eine Strategie zurechtgelegt, wie ich „richtig“ twittere oder facebooke.

Mir kommen beim Thema „Mitmischen im Social Web“ immer zwei Dinge in den Kopf: Seilspringen und Fliegenlernen.

Erinnert ihr euch noch an das Gruppenspringen auf dem Spielplatz/Schulhof, wo zwei Schwinger ein langes Seil schwangen und in der Mitte mehrere Springer gleichzeitig hüpften? Wenn man sich einklinken wollte, stellte man sich erst mal daneben und nahm den Rhythmus des Seils in sich auf, sprang sozusagen im Kopf mit, bevor man sich zu den anderen in der Mitte gesellte. Das wäre die einzige Social-Media-Strategie, die ich empfehlen würde: Erst mal gucken, wie es die anderen machen, und irgendwann einfach „mitspringen“.

Was das Fliegenlernen angeht, das wird bei Douglas Adams schön beschrieben: Man muss sich dafür zu Boden fallen lassen, diesen aber verfehlen. Man muss also danebenfallen. Soll heißen: Erfolgreich im Social Web mitmischen kann man paradoxerweise eigentlich nur, wenn man es nicht darauf anlegt. Man riecht sie nämlich, diese Strategie-Befolger, und sie sind vor allem eins: langweilig und unauthentisch. Ich folge Menschen, keinen Marken, ich möchte auch mal Persönliches lesen und nicht nutzeroptimiertes Marketing-Blabla. Auch auf Facebook-Business-Seiten.

Und ihr so?

(293 Wörter)

 
4 Kommentare

Verfasst von - 22. Mai 2012 in Marketing, Unternehmeralltag