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Archiv für den Monat Juni 2012

Japanische Zählwörter

Eins der Dinge, für die man die japanische Sprache ja lieben muss (wenn man nicht daran verzweifeln will), ist die Tatsache, dass sie für alle möglichen Gruppen von Dingen jeweils ein ganz bestimmtes Zählwort hat.

Nehmen wir an, ich will Bäume zählen. Ein prototypischer Baum (ki) ist lang und (im Verhältnis) dünn, das Zählwort für Dinge mit solchen Eigenschaften ist hon. Stehen da nun 5 Bäume, nehme ich die Zahl Fünf – go – und hänge das Zählwort an. „5 Bäume“ hießen also gohon no ki. (Das no ist ein Genetivpartikel, an dieser Stelle nicht so wichtig.)

Andere längliche, dünne Gegenstände sind z. B. Bleistifte, Flaschen, Nägel, Lineale, aber auch, und solche Merkwürdigkeiten kennt jede Zählwortgruppe, Telefongespräche und Filme (wohl wegen des Filmstreifens). Das Zählwort für runde, flache Gegenstände (Räder, Blumen) heißt rin, das für Gebäude ken, bei Büchern sagt man satsu, bei einzelnen Blättern aber mai, das auch für andere flache Objekte wie Bettlaken, Kleidung oder Fotos verwendet wird.

Ganz verrückt wird es bei den Tieren. Da gibt es nicht etwa nur ein Zählwort, o nein! Vierbeiner werden anders gezählt (hiki) als Vögel (wa) oder Fische (bi), ganz große Vierbeiner wie Kühe oder Elefanten haben noch mal ein eigenes Zählwort (tô). Und Hasen werden gezählt wie Vögel. Klar.

Insgesamt gibt es laut Wikipedia rund 100 verschiedene Zählwörter. Da verwundert es kaum, dass auch Muttersprachler manchmal ins Schleudern kommen, in welche Kategorie das zu zählende Objekt denn nun gehört. Praktischerweise gibt es zur Not bis 10 auch noch die rein japanische Zählweise, bei der die Zahlen allein stehen. Will man also 5 Bier (bîru) bestellen und ist sich nicht sicher, ob ein Bier im Glas als länglich und dünn gilt oder ob es für Bier nicht etwa doch ein spezielles Zählwort gibt, kann man immer noch bîru itsutsu bestellen. Oder man nimmt die Finger.

(300 Wörter)

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Verfasst von - 5. Juni 2012 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

Kindergrammatik

Wer sich häufig im Internet und vor allem im sogenannten sozialen Netz herumtreibt, weiß: Katzen- und Kindercontent geht immer. Deshalb möchte ich heute mal aus dem Nähkästchen plaudern und berichten, wie Sohn 2 sich damals die nicht zu Unrecht als komplex verschriene (fragt mal Mark Twain) deutsche Grammatik zu eigen machte.

Er kreierte nämlich kurzerhand eigene Regeln, die er eine Weile auch mit größter Akribie befolgte. Als Erstes nahm er sich das Präteritum vor, also die Vergangenheitsform, für die er an jedes Verb konsequent ein „-et“ hängte: „ich Banane esset“, „ich Kindergarten gehet“, „du fertig tuschet“, „er hinfallet“. Deutsch kann ja so einfach sein! Wie viele andere Kinder erfand er später auch Vergangenheitsformen wie „guck mal, der Aufkleber hier klab an meinem Kissen!“

Noch besser aber fand ich seine Konjunktiv-Konstruktionen. Die kamen später und waren entsprechend auch viel komplexer. So ein Satz in der Möglichkeitsform fing nämlich immer mit der Wendung „hätte ich“ an: „Hätte ich, wir gehen Eis essen“ bedeutete also „Ich wünschte, wir gingen ein Eis essen.“ War der Wunsch besonders stark, schob er gern noch ein sehnsuchtsvolles „ach, hätte ich!“ hinterher. „Hätte ich, wir gehen morgen zu Omi. Ach, hätte ich!“ Elegant zum Auf-die-Knie-Fallen, oder?

Unvergessen auch die Phase, in der ihm klar wurde, dass er sich Dinge in seinem Kopf anders vorstellen konnte, als sie tatsächlich passierten. Wenn er uns die Erkenntnis eines solchen Gedankengangs mitteilen wollte, kam als Nachsatz unweigerlich: „Ich dachte. Aber nich.“

Nicht, dass es heute jemals langweilig wäre, ihm zuzuhören. Aber manchmal trauere ich diesen neuschöpferischen Phasen doch hinterher.

(256 Wörter)

 
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Verfasst von - 1. Juni 2012 in Alltag, Sprache