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Kindergrammatik

01 Jun

Wer sich häufig im Internet und vor allem im sogenannten sozialen Netz herumtreibt, weiß: Katzen- und Kindercontent geht immer. Deshalb möchte ich heute mal aus dem Nähkästchen plaudern und berichten, wie Sohn 2 sich damals die nicht zu Unrecht als komplex verschriene (fragt mal Mark Twain) deutsche Grammatik zu eigen machte.

Er kreierte nämlich kurzerhand eigene Regeln, die er eine Weile auch mit größter Akribie befolgte. Als Erstes nahm er sich das Präteritum vor, also die Vergangenheitsform, für die er an jedes Verb konsequent ein „-et“ hängte: „ich Banane esset“, „ich Kindergarten gehet“, „du fertig tuschet“, „er hinfallet“. Deutsch kann ja so einfach sein! Wie viele andere Kinder erfand er später auch Vergangenheitsformen wie „guck mal, der Aufkleber hier klab an meinem Kissen!“

Noch besser aber fand ich seine Konjunktiv-Konstruktionen. Die kamen später und waren entsprechend auch viel komplexer. So ein Satz in der Möglichkeitsform fing nämlich immer mit der Wendung „hätte ich“ an: „Hätte ich, wir gehen Eis essen“ bedeutete also „Ich wünschte, wir gingen ein Eis essen.“ War der Wunsch besonders stark, schob er gern noch ein sehnsuchtsvolles „ach, hätte ich!“ hinterher. „Hätte ich, wir gehen morgen zu Omi. Ach, hätte ich!“ Elegant zum Auf-die-Knie-Fallen, oder?

Unvergessen auch die Phase, in der ihm klar wurde, dass er sich Dinge in seinem Kopf anders vorstellen konnte, als sie tatsächlich passierten. Wenn er uns die Erkenntnis eines solchen Gedankengangs mitteilen wollte, kam als Nachsatz unweigerlich: „Ich dachte. Aber nich.“

Nicht, dass es heute jemals langweilig wäre, ihm zuzuhören. Aber manchmal trauere ich diesen neuschöpferischen Phasen doch hinterher.

(256 Wörter)

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2 Kommentare

Verfasst von - 1. Juni 2012 in Alltag, Sprache

 

2 Antworten zu “Kindergrammatik

  1. Ruth

    1. Juni 2012 at 12:09

    Und wenn sich Kinder dann gegenseitig noch „verbessern“, das ist zum Piepen und Knutschen süß. „Ich hab alles ausgetrunkt.“ „Das heißt ‚ausgetrinken‘.“ ❤

     
  2. GB Translation

    11. Juni 2012 at 00:37

    Den Mark Twain-Text hab ich vor kurzem entdeckt… Ein bisschen übertrieben, aber unterhaltsam

     

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