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Archiv für den Monat Februar 2016

Method Translating

Der Begriff „Method Acting“ als Technik beim Schauspielern dürfte vielen geläufig sein. Der darstellende Mensch versetzt sich dabei in die Rolle, indem er sich auf besondere Weise hineinfühlt, bis er nicht mehr spielt, sondern ist. Beim Übersetzen ist das manchmal genauso.

Kein Wunder eigentlich, schließlich beschäftigt man sich dabei manchmal über Tage oder gar Wochen mit einem Thema, es füllt einem den ganzen Arbeitstag lang den Kopf, natürlich bleibt das nicht ohne Auswirkungen. Nach dem zweiten Buch über Aquarienfische schaffte ich mir ein Aquarium an. Nach dem Smoothie-Buch wurde endlich der Standmixer gekauft, mit dem ich schon lange geliebäugelt hatte. Als ich das Buch über Hühner übersetzte, sah der Liebste mich nachdenklich in den Garten starren und reagierte sofort mit einem: „Vergiss es!“

Es geht aber auch andersrum. Wenn ich mich für bestimmte Texte durch unterstützende Maßnahmen in Stimmung bringe, nenne ich das „Method Translating“. Manchmal mache ich das bewusst, manchmal ergibt es sich von außen, manchmal fällt es mir auch dabei erst auf. Beispiele gefällig? Bitte sehr, mein Twitter-Ich hat zum Glück ein Langzeitgedächtnis:

Allerdings hat die Methode auch Grenzen. Bei Medizintexten sollte man tunlichst einen gesunden geistigen Abstand einhalten und demnächst steht ein Buch über das Fortpflanzungsverhalten von Tieren an. Dazu fällt mir jetzt beim besten Willen auch nichts ein!

(212 Wörter)

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Verfasst von - 23. Februar 2016 in Übersetzeralltag, Trickkiste

 

Die geheime Mission der Bärchentiere

Letzte Woche saß ich an der Übersetzung eines wundervollen Buchs über Bionik. In einem Kapitel ging es um Tardigrada, die im Deutschen auch den schönen Namen „Bärtierchen“ tragen, weil sie unter dem Mikroskop genau so aussehen. Höchst faszinierende Wesen im Übrigen, die sich monate-, ja jahrelang in einen todesähnlichen Zustand versetzen können, um nicht auszutrocknen. „Kryptobiose“ heißt das. Legt man sie in Wasser, wachen sie schwupps! wieder auf und gehen ihrer Wege, als sei nichts gewesen.

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Bild: Schokraie E, Warnken U, Hotz-Wagenblatt A, Grohme MA, Hengherr S, et al. (2012)

Jedenfalls können sich die kleinen Bärchen nicht nur selbst in den Stand-by-Modus versetzen, sondern auch schadlos die 1000-fache Röntgenstrahlung überstehen, die man einem Säugetier zumuten dürfte, und überleben sogar im Vakuum des Weltraums. Dazu gab es mal einen Versuch, in dem die Tierchen in den Orbit gebracht wurden. Als ich das jedoch recherchierte, konnte ich so gut wie nichts dazu finden, jedenfalls keine seriösen Quellen.

Sofort nahmen dubiose Verschwörungstheorien in meinem Kopf Gestalt an. War es vielleicht ein Geheimprojekt gewesen? Man spekuliert ja seither darüber, ob die Tardigrada nicht sowieso außerirdischen Ursprungs sind, da ja nun bewiesen ist, dass sie im All überleben können. Dürfen diese Informationen etwa nicht an die Öffentlichkeit? Was ist da los?

Und dann sah ich noch mal genauer hin und entdeckte, dass ich nach „Bärchentieren“ gesucht hatte statt nach „Bärtierchen“. Schade, doch keine Verschwörung aufgedeckt.

Übrigens hieß die Mission TARDIS („Tardigrades In Space“). Es muss so cool sein, bei der Arbeit ab und zu hochoffiziell den inneren Nerd von der Leine lassen zu dürfen! Wenn ich nicht eh schon den besten Beruf der Welt hätte, wäre ich fast neidisch.

(260 Wörter)

 
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Verfasst von - 17. Februar 2016 in Übersetzeralltag

 

Freundlichkeit? Steh ich drauf!

Als ich im letzten Oktober/November zur ATA-Konferenz in Florida war, durfte ich nicht nur einen interessanten Landstrich erkunden, sondern auch die sprichwörtliche amerikanische Servicefreundlichkeit genießen. Ja, ich sage bewusst „genießen“, denn ich komme aus Berlin.

Wer schon mal in Berlin war, der weiß, dass der Berliner an sich die Freundlichkeit nicht unbedingt gepachtet hat. Nicht falsch verstehen, ich liebe Berlin. Ich bin hier aufgewachsen, ich bin die Kodderschnauze gewohnt und ich vermisse den trockenen Berliner Humor, wenn ich woanders bin (zum Beispiel in der U-Bahn: „Dit is keen Adventskalender, Sie dürfen ruhig alle Türen benutzen!“).

Aber ab und zu begebe ich mich gern unter Menschen, die einander freundlich begegnen. Über die Amerikaner wird ja gern gelästert, die Freundlichkeit sei nur aufgesetzt und überhaupt nicht echt. Ich sage: Na und? Ich gehe ja auch nicht in den Laden oder ins Restaurant, um eine neue beste Freundin zu finden, aber ich genieße es, wenn ich freundlich bis überschwänglich begrüßt werde und nicht das Gefühl habe, das diensthabende Personal bei etwas Wichtigerem zu stören.

Im Übrigen glaube ich das mit der falschen Freundlichkeit gar nicht. Ich wurde zum Beispiel in den zwei Wochen dreimal von wildfremden Menschen auf meine Tasche mit Tim-Burton-Motiv angesprochen, weil sie sie einfach schön fanden und mir das mitteilen wollten. Das Gleiche passierte mir übrigens mehrmals in Schottland, wo ich nette Komplimente zu meinen Nerd-Shirts bekam – von der Verkäuferin im Pfundshop, vom Hotelrezeptionisten, einfach so, ohne Hintergedanken. Das ist ein richtig schönes, herzerwärmendes Gefühl, wenn jemand einem grundlos was Nettes sagt! Ich bin versucht, das hier auch einzuführen. Wie wär’s? Das nächste Mal im Bus, wenn ich denke: „Oh, schicke Schuhe/Tasche/Jacke“, das einfach mal laut sagen? Kann ja eigentlich nicht so schwer sein und versüßt einem anderen den Tag. Wer macht mit?

(293 Wörter)

 
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Verfasst von - 9. Februar 2016 in Alltag

 

„Davon kann man doch sowieso nicht leben!“

Dass man vom Literaturübersetzen nicht leben kann, ist eine weit verbreitete vermeintliche Binsenwahrheit, die nicht zuletzt von den LiteraturübersetzerInnen selbst gern unermüdlich ins Feld geführt wird. Hartnäckig hält sich das Arme-Künstler-Klischee vom Übersetzer, der tagsüber einem unerfreulichen Brotjob nachgehen muss, um sich nach Dienstschluss endlich seiner wahren Leidenschaft hingeben zu können: den Büchern. Wie tragisch-romantisch!

Moment.

Ich übersetze jetzt seit 16 Jahren Bücher und lebe eigentlich ganz gut davon. Mehr noch, ich ernähre seit vielen Jahren eine ganze Familie mit dem Übersetzen. Mache ich was falsch?

Gut, ich bin nicht die klassische Literaturübersetzerin. Ich übersetze vor allem Sachbücher, nur sehr gelegentlich bisher etwas Kinderliteratur. Und stimmt, ich übersetze natürlich auch noch Fachtexte, die ganz anders bezahlt werden. Es steht auch außer Frage, dass Literaturübersetzungen immer noch nicht annähernd angemessen bezahlt werden für die Arbeit, das Wissen, das Können, das wir hineinstecken müssen.

Trotzdem. Kurz nachgerechnet: Ich habe 2015 gut 61 % meines Umsatzes mit Buchübersetzungen gemacht. Zugegeben, mein Stundenlohn lag bei den Fachübersetzungen recht deutlich höher, um fast ein Drittel. Dennoch komme ich auch mit den Buchübersetzungen auf einen durchaus respektablen Stundenlohn von fast 65 Euro. Das ist zwar nicht ausgesprochen fürstlich, aber doch deutlich mehr, als viele Agenturen einer Übersetzerin als Stundensatz zu zahlen bereit wären.

Ich gebe zu, dieser Beitrag ist ein bisschen polemisch. Natürlich kommt es auch darauf an, ob man Hochliteratur übersetzt oder Groschenhefte, Kochbücher oder philosophische Werke. Nach meiner Einschätzung gibt es aber weite Bereiche in der Literatur, in denen sich die übersetzende Zunft durchaus existenzsichernd tummeln kann.

Ich mache mir ein wenig Sorgen, dass die Pauschalaussage in der Überschrift mehr und mehr zur selbsterfüllenen Prophezeiung wird, je öfter wir sie wiederholen. Dass sie uns den Mut nimmt, für die angemessen Bezahlung einzutreten, die uns zusteht. Man kann vom Literaturübersetzen durchaus leben, aber es könnte und müsste noch besser sein!

(300 Wörter)

 
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Verfasst von - 2. Februar 2016 in Übersetzeralltag, Unternehmeralltag