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„Davon kann man doch sowieso nicht leben!“

02 Feb

Dass man vom Literaturübersetzen nicht leben kann, ist eine weit verbreitete vermeintliche Binsenwahrheit, die nicht zuletzt von den LiteraturübersetzerInnen selbst gern unermüdlich ins Feld geführt wird. Hartnäckig hält sich das Arme-Künstler-Klischee vom Übersetzer, der tagsüber einem unerfreulichen Brotjob nachgehen muss, um sich nach Dienstschluss endlich seiner wahren Leidenschaft hingeben zu können: den Büchern. Wie tragisch-romantisch!

Moment.

Ich übersetze jetzt seit 16 Jahren Bücher und lebe eigentlich ganz gut davon. Mehr noch, ich ernähre seit vielen Jahren eine ganze Familie mit dem Übersetzen. Mache ich was falsch?

Gut, ich bin nicht die klassische Literaturübersetzerin. Ich übersetze vor allem Sachbücher, nur sehr gelegentlich bisher etwas Kinderliteratur. Und stimmt, ich übersetze natürlich auch noch Fachtexte, die ganz anders bezahlt werden. Es steht auch außer Frage, dass Literaturübersetzungen immer noch nicht annähernd angemessen bezahlt werden für die Arbeit, das Wissen, das Können, das wir hineinstecken müssen.

Trotzdem. Kurz nachgerechnet: Ich habe 2015 gut 61 % meines Umsatzes mit Buchübersetzungen gemacht. Zugegeben, mein Stundenlohn lag bei den Fachübersetzungen recht deutlich höher, um fast ein Drittel. Dennoch komme ich auch mit den Buchübersetzungen auf einen durchaus respektablen Stundenlohn von fast 65 Euro. Das ist zwar nicht ausgesprochen fürstlich, aber doch deutlich mehr, als viele Agenturen einer Übersetzerin als Stundensatz zu zahlen bereit wären.

Ich gebe zu, dieser Beitrag ist ein bisschen polemisch. Natürlich kommt es auch darauf an, ob man Hochliteratur übersetzt oder Groschenhefte, Kochbücher oder philosophische Werke. Nach meiner Einschätzung gibt es aber weite Bereiche in der Literatur, in denen sich die übersetzende Zunft durchaus existenzsichernd tummeln kann.

Ich mache mir ein wenig Sorgen, dass die Pauschalaussage in der Überschrift mehr und mehr zur selbsterfüllenen Prophezeiung wird, je öfter wir sie wiederholen. Dass sie uns den Mut nimmt, für die angemessen Bezahlung einzutreten, die uns zusteht. Man kann vom Literaturübersetzen durchaus leben, aber es könnte und müsste noch besser sein!

(300 Wörter)

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5 Kommentare

Verfasst von - 2. Februar 2016 in Übersetzeralltag, Unternehmeralltag

 

5 Antworten zu “„Davon kann man doch sowieso nicht leben!“

  1. Dr. Ellen Yutzy Glebe

    2. Februar 2016 at 18:15

    Vielen Dank für diesen Beitrag, Susanne! Auch wenn ich nicht wirklich ausreichende Erfahrungen gemacht habe, wage ich es auch zu behaupten, dass das geht! Es ist aber wirklich ernüchternd, wie zu schreibst, wie oft mir schon gesagt worden ist, dass man das nur „nebenbei“ machen kann. Auch deswegen habe ich eine Gruppe (Standing Out® Scholars) für Übersetzer bei Facebook gegründet, die hauptsächlich Fachtexte und wissenschaftliches Literatur übersetzen. Ich hoffe damit etwas optimistischere Perspektiven zu hören, zu fördern, und weiterzugeben!

     
    • frenja

      3. Februar 2016 at 19:58

      Oh, die Gruppe kannte ich noch gar nicht. Hat die was mit Andrew Morris zu tun oder ist das nur der Name? Optimismus finde ich jedenfalls gut, den können wir alle brauchen!

       
  2. Michael Kieweg

    3. Februar 2016 at 00:38

    Ich habe keine Ahniung vom Business als Übersetzer(in).Ich sehe da eher ein generelles Freiberufler/ Selbständigen -Problem.
    Ich werde immer wieder darauf angesprochen, wie lange noch Licht in meiner brennt und meist heißt es dann (von Fremden): „Das ist ja schlimm, wie lange sie noch arbeiten müssen, um durch zu kommen. Ich verstehe ja nicht, daß sie sich das antun.“ Das Erstaunen ist dann groß, wenn ich sage, daß ich das gerne mache, weil mir meine Arbeit Spaß macht. Ich muss nicht um 17:00 Feierabend machen und nach Hause vor die Glotze flüchten (Ja, ich weiß, Polemik). Ich tue einfach, was mir Spaß macht und gehe um sieben nochmals in die Werkstatt und baue bis Mitternacht vor mich hin. Und werde dafür bezahlt.
    Das wird oft nicht verstanden.

     
    • frenja

      3. Februar 2016 at 20:01

      Da hast du ganz sicher recht, das kommt noch erschwerend hinzu! Die Kommentare kenne ich auch, wenn in meiner Bürobutze das Licht wieder bis in die Nacht brannte, weil ich halt zum Beispiel spät angefangen habe an dem Tag oder einfach mal viel zu tun ist. Dabei arbeite ich abends oft am produktivsten, weil ich ungestört vor mich hinwerkeln kann.

       

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