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Archiv für den Monat März 2016

Such, such!

Was macht eigentlich eine gute Übersetzerin aus? Sprachgefühl, klar. Schreibtalent. Genauigkeit. Hartnäckigkeit braucht man auch und ein leichter Hang zum Perfektionismus ist oft ebenfalls nützlich. Vor allem aber muss eine gute Übersetzerin eins können: recherchieren.

Obwohl diese Kunst nicht direkt zum Ausbildungsgang gehört (zumindest nicht zu meiner Zeit), ist sie meiner Meinung nach von dermaßen entscheidender Bedeutung, dass man behaupten könnte,  hier trennt sich die Spreu vom Weizen, unterscheiden sich die Amateure von den Profis.

Stellen wir uns vor, in meinem Text taucht ein Wort auf, das ich nicht kenne. Passiert sehr viel häufiger, als gemeinhin angenommen wird, denn Übersetzer sind nun mal keine Wörterbücher. Aber das nur am Rande. Was mache ich also? Zuerst sehe ich natürlich in den einschlägigen Wörterbüchern nach. Finde ich dort eine deutsche Entsprechung, die in meinen Satz passt, prima! Das war einfach. Und wenn nicht? Dann versuche ich es je nach Fachgebiet noch in ein paar spezielleren Wörterbüchern, hole vielleicht sogar meine Papierdinosaurier aus dem Regal. Manchmal hilft das. Und wenn nicht? Dann schlägt die Stunde der Recherchekönigin. Paralleltexte suchen. Wenn ich überhaupt nicht mehr weiterkomme, frage ich Menschen. Erst KollegInnen, dann ExpertInnen.

Man beachte die Reihenfolge. Wenn ich überhaupt nicht mehr weiterkomme. Das kommt erst ganz zum Schluss, wenn ich mein Recherchepulver verschossen habe und feststecke. Leider sind da nicht alle KollegInnen so streng mit sich. Sobald der gesuchte Begriff weder auf Leo noch auf dict.cc zu finden ist, wird die Frage einfach outgesourct, ob nun auf KudoZ oder in anderen Übersetzerforen. Wie oft ich da schon der Versuchung widerstehen musste, einen entsprechenden Link zu „Let me google that for you“ zu setzen, kann ich gar nicht zählen.

Mich ärgert das wirklich. Recherchieren ist eine wesentliche Grundkompetenz für das Übersetzen und solche Abkürzungen sind meist nichts als Bequemlichkeit. Lernt es! Sucht selbst!

(299 Wörter)

 
5 Kommentare

Verfasst von - 23. März 2016 in Übersetzeralltag, Sprache, Trickkiste

 

Das perfekte Ich

Zum Thema Optimierung hatte ich neulich ja schon mal was geschrieben. Gar nicht erwähnt hatte ich dabei allerdings, dass der Optimierungswahn nicht nur eine Berufskrankheit zum Beispiel der übersetzenden Zunft ist, sondern dass er allzu schnell auch auf das Privatleben übergreift, wenn man nicht höllisch aufpasst.

Nehmen wir mich als Beispiel. Als alleinerziehende Mutter zweier halbwüchsiger Kinder und selbstständige Unternehmerin habe ich natürlich grundsätzlich alle Hände voll zu tun. Geld muss verdient werden, Kinder müssen in der Spur gehalten werden, der Kühlschrank muss gefüllt, die Wohnung bewohnbar gehalten werden. Und dann möchte ich ja auch noch so etwas wie ein Privatleben pflegen, Sport treiben, im Chor singen, stricken, lesen, auf Konzerte und ins Kino gehen, Freunde treffen.

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Symbolbild: Die linke Spalte ist meine.

Das alles will natürlich gut koordiniert sein. Da auch mein Tag nur 24 Stunden hat und ich zunehmend schlechter mit so wenig Schlaf auskomme, wie ich es aus der Kleinkindzeit gewohnt war, tendiere ich oft dazu, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. Beim Joggen und bei der Hausarbeit höre ich nicht etwa Musik, sondern bilde mich durch Podcasts weiter. Bin ich unterwegs zu einem Seminar oder einer Konferenz, habe ich den Computer dabei und arbeite. Im Auto mitfahren und träumend aus dem Fenster blicken? Undenkbar, ich bringe lieber mein aktuelles Strickprojekt voran.

Auf Dauer ist das alles gar nicht optimal. Zunehmend häufig erwische ich mich dabei, wie ich unterwegs keine Lust habe, mein Gehirn mit noch mehr Wissen zu füttern, sondern einfach gar nichts höre und stattdessen meinen Gedanken nachhänge. Auf einer Zugfahrt konnte ich mich einmal satte vier Stunden zu rein gar nichts aufraffen außer zum Dösen und Aus-dem-Fenster-Starren. Ich arbeite daran, so etwas häufiger einfach zuzulassen. Denn wie sagte die unsterbliche Astrid Lindgren so treffend:

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“

(299 Wörter)

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 17. März 2016 in Alltag

 

Optimalst

Erst mal: Tut mir leid wegen der Überschrift. Ich weiß, das tut weh. Und nein, es geht diesmal gar nicht um Sprachsünden, sondern um einen zeitgeistigen Modetrend, dem ich immer wieder selbst anheimfalle: den Optimierungswahn.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass wir in allen Bereichen stets nach Perfektion zu streben haben? Ich gebe zu, ich bin selbst eine Perfektionistin, wie viele meiner KollegInnen auch. In gewisser Hinsicht ist das beim Übersetzen auch nicht nur hilfreich, sondern sogar notwendig – beim Einhalten von Rechtschreib- und Grammatikregeln kann man nun mal nicht fünfe gerade sein lassen, das stimmt entweder oder es stimmt nicht. An anderen Stellen behindert zu viel Perfektionismus aber auch, hemmt die Kreativität, bremst aus (Stichwort Pareto-Prinzip). Wie lange habe ich für die Erkenntnis gebraucht, dass „gut genug“ manchmal (jedenfalls öfter, als ich denke) eben doch reicht!

Die übersetzende Zunft optimiert ausgesprochen gern. Arbeitsabläufe und Gedächtnisleistung mit CAT-Tools, die Produktivität mit Spracherkennungssoftware – höher, schneller, weiter ist die Devise. Nicht, dass ich das grundsätzlich schlecht fände. Wenn mir Tools die Arbeit erleichtern, dann bitte her damit! Mich beschleicht nur manchmal der Verdacht, dass wir uns damit nach und nach immer mehr vom Wesenskern des Übersetzens wegbewegen: der Kreativität. Der heilige Gral sind möglichst viele übersetzte Wörter pro Stunde – um mehr zu verdienen oder schneller dem Schreibtisch entfliehen zu können, je nach persönlicher Disposition.

Ich nehme mich da gar nicht aus. Aber tun wir uns damit wirklich einen Gefallen? Den Texten? Übersetzungen profitieren davon, wenn man ihnen Raum zum Atmen gibt, sich die Zeit nimmt, den texteigenen Rhythmus zu finden. Kreativität braucht Zeit, wie in diesem Video so wunderbar demonstriert wird:


Sicher, manche Texte flutschen nur so, das sind dann echte Glücksmomente. Glücklich macht aber auch eine richtig gelungene Übersetzung, und manchmal geht das eben nur mit bewusster Entschleunigung. Mit De-Optimierung.

(299 Wörter)

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2. März 2016 in Übersetzeralltag, Sprache, Unternehmeralltag