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Ein Hoch auf die lektorierende Zunft

01 Apr

Es wird ja oft beklagt, dass LiteraturübersetzerInnen zu sehr im Schatten stehen, obwohl sie doch nicht unwesentlich über Erfolg oder Misserfolg eines Buches mitentscheiden. Noch einen Schritt weiter im Dunkel steht aber noch jemand anders: die Lektorin. Findet man den Namen der Übersetzerin wenigstens noch klein im Impressum oder sogar unter dem Buchtitel auf der Titelseite, sucht man den Namen der Lektorin meist vergeblich.

Dabei ist eine gute Übersetzung immer Teamarbeit. Kein noch so berühmter Autor würde auf das Lektorat verzichten, weil er ganz genau weiß: Die lange Arbeit am selben Text macht irgendwann betriebsblind. Dann fehlt der nötige Abstand, um Plotlöcher  zu erkennen oder auch unglückliche Formulierungen, die einfach nicht besser werden wollen, obwohl man doch so lange daran gefeilt hat.

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Beim Übersetzen ist das eigentlich nicht viel anders. Natürlich liefere ich meine bestmögliche Übersetzung ab, natürlich gebe ich mir die größte Mühe, bis es für mich stimmt. Kein Text verlässt meinen Computer ohne einen kritischen Korrekturlauf, in dem ich gerade bei Buchübersetzungen noch mal einiges umwerfe, umstrukturiere, umformuliere, bis aus der Übersetzung ein deutscher Text geworden ist. Und doch kann ich drauf wetten: Das Lektorat findet die Stellen, die noch schöner sein könnten. Die ich beim dritten Drüberlesen einfach nicht mehr wahrnehme. Da ich fast nie Belletristik übersetze, sondern überwiegend Sachbücher, bekomme ich die lektorierte Fassung meistens gar nicht zu sehen. Wenn aber doch, oder wenn ich eine Fachübersetzung für einen Direktkunden von einer Kollegin prüfen lasse und die lektorierte Fassung öffne, bekomme ich manchmal einen Schreck. So viel Rot, Frau Lehrerin? Doch wenn ich mir die Korrekturen und Anmerkungen einer guten Lektorin ansehe, muss ich gestehen: So gefällt auch mir der Text besser. Er wurde nicht umgeschrieben, sondern optimiert. Herausgeputzt. Und dann bin ich sehr glücklich über diese schöne Übersetzung, die wir zusammen erschaffen haben.

(298 Wörter)

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Ein Kommentar

Verfasst von - 1. April 2016 in Übersetzeralltag

 

Eine Antwort zu “Ein Hoch auf die lektorierende Zunft

  1. Norbert Maes

    2. April 2016 at 11:16

    Das kann ich als Autor von Urteilsanmerkungen nur bestätigen. Ein guter Übersetzer ist immer auch Autor und Künstler. Ein guter Lektor ist immer auch Künstler. Ja. Er sollte unbedingt in einem Buch genannt werden. Häufig machen das die Autoren selber in ihrem Vorwort.

     

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