RSS

Archiv der Kategorie: Alltag

Das perfekte Ich

Zum Thema Optimierung hatte ich neulich ja schon mal was geschrieben. Gar nicht erwähnt hatte ich dabei allerdings, dass der Optimierungswahn nicht nur eine Berufskrankheit zum Beispiel der übersetzenden Zunft ist, sondern dass er allzu schnell auch auf das Privatleben übergreift, wenn man nicht höllisch aufpasst.

Nehmen wir mich als Beispiel. Als alleinerziehende Mutter zweier halbwüchsiger Kinder und selbstständige Unternehmerin habe ich natürlich grundsätzlich alle Hände voll zu tun. Geld muss verdient werden, Kinder müssen in der Spur gehalten werden, der Kühlschrank muss gefüllt, die Wohnung bewohnbar gehalten werden. Und dann möchte ich ja auch noch so etwas wie ein Privatleben pflegen, Sport treiben, im Chor singen, stricken, lesen, auf Konzerte und ins Kino gehen, Freunde treffen.

Datei 16.03.16 23 40 59

Symbolbild: Die linke Spalte ist meine.

Das alles will natürlich gut koordiniert sein. Da auch mein Tag nur 24 Stunden hat und ich zunehmend schlechter mit so wenig Schlaf auskomme, wie ich es aus der Kleinkindzeit gewohnt war, tendiere ich oft dazu, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. Beim Joggen und bei der Hausarbeit höre ich nicht etwa Musik, sondern bilde mich durch Podcasts weiter. Bin ich unterwegs zu einem Seminar oder einer Konferenz, habe ich den Computer dabei und arbeite. Im Auto mitfahren und träumend aus dem Fenster blicken? Undenkbar, ich bringe lieber mein aktuelles Strickprojekt voran.

Auf Dauer ist das alles gar nicht optimal. Zunehmend häufig erwische ich mich dabei, wie ich unterwegs keine Lust habe, mein Gehirn mit noch mehr Wissen zu füttern, sondern einfach gar nichts höre und stattdessen meinen Gedanken nachhänge. Auf einer Zugfahrt konnte ich mich einmal satte vier Stunden zu rein gar nichts aufraffen außer zum Dösen und Aus-dem-Fenster-Starren. Ich arbeite daran, so etwas häufiger einfach zuzulassen. Denn wie sagte die unsterbliche Astrid Lindgren so treffend:

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“

(299 Wörter)

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 17. März 2016 in Alltag

 

Freundlichkeit? Steh ich drauf!

Als ich im letzten Oktober/November zur ATA-Konferenz in Florida war, durfte ich nicht nur einen interessanten Landstrich erkunden, sondern auch die sprichwörtliche amerikanische Servicefreundlichkeit genießen. Ja, ich sage bewusst „genießen“, denn ich komme aus Berlin.

Wer schon mal in Berlin war, der weiß, dass der Berliner an sich die Freundlichkeit nicht unbedingt gepachtet hat. Nicht falsch verstehen, ich liebe Berlin. Ich bin hier aufgewachsen, ich bin die Kodderschnauze gewohnt und ich vermisse den trockenen Berliner Humor, wenn ich woanders bin (zum Beispiel in der U-Bahn: „Dit is keen Adventskalender, Sie dürfen ruhig alle Türen benutzen!“).

Aber ab und zu begebe ich mich gern unter Menschen, die einander freundlich begegnen. Über die Amerikaner wird ja gern gelästert, die Freundlichkeit sei nur aufgesetzt und überhaupt nicht echt. Ich sage: Na und? Ich gehe ja auch nicht in den Laden oder ins Restaurant, um eine neue beste Freundin zu finden, aber ich genieße es, wenn ich freundlich bis überschwänglich begrüßt werde und nicht das Gefühl habe, das diensthabende Personal bei etwas Wichtigerem zu stören.

Im Übrigen glaube ich das mit der falschen Freundlichkeit gar nicht. Ich wurde zum Beispiel in den zwei Wochen dreimal von wildfremden Menschen auf meine Tasche mit Tim-Burton-Motiv angesprochen, weil sie sie einfach schön fanden und mir das mitteilen wollten. Das Gleiche passierte mir übrigens mehrmals in Schottland, wo ich nette Komplimente zu meinen Nerd-Shirts bekam – von der Verkäuferin im Pfundshop, vom Hotelrezeptionisten, einfach so, ohne Hintergedanken. Das ist ein richtig schönes, herzerwärmendes Gefühl, wenn jemand einem grundlos was Nettes sagt! Ich bin versucht, das hier auch einzuführen. Wie wär’s? Das nächste Mal im Bus, wenn ich denke: „Oh, schicke Schuhe/Tasche/Jacke“, das einfach mal laut sagen? Kann ja eigentlich nicht so schwer sein und versüßt einem anderen den Tag. Wer macht mit?

(293 Wörter)

 
9 Kommentare

Verfasst von - 9. Februar 2016 in Alltag

 

Die Kinder der Übersetzerin

Kinder sind wunderbar. Eine Bereicherung. Ein Geschenk. Und sie können etwas ganz Besonderes: ihre Eltern in Millisekunden von Null auf Palmenkrone bringen. Weil sie die Alten genau kennen, weil sie genau wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen.

Bei mir sind das oft sprachliche Knöpfe, wen wundert’s. Wenn meine Kinder mich ärgern wollen, sagen sie Sachen wie: „Aber Mama, das macht doch keinen Sinn!“ oder „Da brauch ich gar nicht erst mit anfangen.“ Kreisch! Wörtlich aus dem Deutschen übersetztes Pseudo-Englisch zu sprechen, habe ich ihnen inzwischen streng verboten, „weil der Mama da die Ohren bluten.“ (Ich wollte eben ein Beispiel aufschreiben, aber ich kann nicht. Es tut einfach zu weh.)

Worüber wir uns allerdings gemeinsam köstlich amüsieren können, ist das von ihnen fließend beherrschte Minecraft-Sprech. „Mann, der hackt [gesprochen: häckt] doch voll! Wenn der mich jetzt onehittet, dann reporte ich den aber!“ – (Zum Bruder:) „Nee, du musst erst leaven, bevor du auf den Server raufjoinen kannst.“ (RAUFJOINEN! Was für ein großartiges Wort!) – „Boah, das laggt hier voll. Ist bestimmt ein Bug, ich leave mal, dann kann ich das fixen.“ – „Na toll, jetzt leavt der instant, ist ja wohl voll unfair!“

Ich könnte ihnen stundenlang zuhören. Das ist fast so schön wie Beratersprech! Ich sehe für beide eine rosige Zukunft im gehobenen Management. Bin jetzt schon stolz.

(215 Wörter)

 
3 Kommentare

Verfasst von - 26. Januar 2016 in Alltag, Sprache

 

Schief is beautiful

Die Japaner sind ja, man kann es aus der Distanz nicht anders sagen, ein komisches Völkchen. (Und ich bin sicher, sie sagen genau dasselbe über das eine oder andere europäische Volk – wie kann man nur verschimmelten Käse essen! –, und bestimmt ebenso zu Recht.) Als ich in Japan war, wurde mir mal gesagt, die Japaner hätten vor allem zwei Schwächen: alles, was kawaii (niedlich), und alles, was kawaisô (bedauernswert, arm dran) ist.

Bei „niedlich“ fallen einem natürlich zuerst die kulleräugigen Manga-Mädchen ein oder Hello Kitty. Nun sind aber die Japaner, wie eingangs schon bemerkt, ein komisches Völkchen und finden noch ganz andere Dinge niedlich. Zum Beispiel schiefe Zähne.

Weil vor allem Japanerinnen einen schmalen Oberkiefer haben, finden oft nicht alle Zähne nebeneinander Platz und wachsen dann an den falschen Stellen aus dem Kiefer. Besonders betroffen sind die Eckzähne, die dann zum Beispiel ein Stück weiter oben ansetzen oder sonstwie schief stehen.

In der westlichen Welt ein klarer Fall für den Kieferorthopäden, aber nicht in Japan. Im Gegenteil, wenn die Zähne allzu gerade stehen, lassen sich modebewusste junge Frauen sogar künstliche Eckzähne aufkleben, damit sie hervorstehen. Yaeba nennen sie solche Zähne, ganz wörtlich übersetzt „Achtfach-Zahn“, und sie finden das niedlich. Warum? Weil der Anblick an ein Kind im Zahnwechsel erinnert, wenn die Zähne noch zu groß für den Kiefer sind und kreuz und quer stehen. So ein yaeba verleihe den Frauen eine „koboldhafte Niedlichkeit“, sagt ein Zahnarzt in diesem Artikel. Es wird gerade als neuer Trend verkauft, aber schon als ich vor 20 Jahren in Japan war, fielen mir die vielen schiefen Gebisse gerade von jungen Frauen auf. Endlich weiß ich, was es damit auf sich hat.

Ich finde das eigentlich ganz sympathisch. Perfektion ist doch auch langweilig! Schließlich gibt es ja  hierzulande ebenso Menschen, die Madonnas Zahnlücke sexy finden.

(299 Wörter)

 
2 Kommentare

Verfasst von - 17. April 2013 in Alltag, Japanisch, Medizin

 

Mein neues Hobby

Ich habe ein neues, subversives Hobby. Und das kam so:

Neulich klickte ich in einem Blog auf einen verlinkten Buchtitel, ein populärwissenschaftliches Fachbuch. Ich landete natürlich auf Amazon und suchte nach weiteren Informationen über das Buch. Inhaltsangabe, Rezensionen, Originaltitel … alles da. Nur die beiden Übersetzer waren nicht aufgeführt. Das ärgerte mich, weil ich immer neugierig bin, wer beispielsweise ähnliche Bücher wie ich übersetzt, und ob ich sie oder ihn vielleicht kenne.

Da bei diesem Titel ein „Blick ins Buch“ möglich war, sah ich im Impressum nach. Und dann beschloss ich, den Missstand zu beheben, und klickte unter den Buchdaten auf „Produktinformationen aktualisieren“. Da kann man nämlich u. a. den Namen eines weiteren Autors oder eben auch der Übersetzerin eingeben, sofern man ein Konto bei Amazon hat. Bisher habe ich das immer nur bei meinen eigenen Büchern gemacht, aber warum eigentlich nicht auch anderen KollegInnen was Gutes tun?

Jetzt halte ich immer die Augen offen, wenn ich auf Amazon herumstöbere (kaufen mag ich da ja schon länger nicht mehr, aber zum Stöbern ist es doch sehr praktisch). Kommt mir ein Buch unter, das eindeutig übersetzt ist, den Übersetzer/die Übersetzerin aber nicht aufführt, korrigiere ich das. Ich bin nämlich genau wie Isabel Bogdan und zahllose andere KollegInnen der Meinung, dass Übersetzer endlich sichtbarer werden müssen.

Na, wer macht mit?

(218 Wörter)

 
11 Kommentare

Verfasst von - 13. November 2012 in Alltag, Übersetzeralltag, Sprache

 

Zu viel Kultur ist auch nicht gut

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, sagte ja schon Matthias Claudius vor 200 Jahren. Fremde Länder, fremde Städte, fremde Völker – fantastisch!

Manche vertragen das Reisen aber auch nicht ganz so gut. Ich meine nicht die bedauernswerten Reisekranken oder die armen Opfer von Montezumas Rache. Nein, es gibt auch mentale Unverträglichkeiten, besonders heftige Ausprägungen des Kulturschocks. Beispiele gefällig?

  • Das Paris-Syndrom wurde erstmals 1991 vom japanischen Psychiater Hiroaki Ota beschrieben und befällt vornehmlich japanische Touristen in – genau – Paris. Es äußert sich durch psychische Symptome wie Wahnzustände, Halluzinationen, Derealisation und Depersonalisation, aber auch durch körperliche Anzeichen wie Schwindel, Herzrasen und starkes Schwitzen. Folgende Faktoren gelten als Ursache: 1. Sprachbarriere (ha! Fremdsprachenkenntnisse erhalten die geistige Gesundheit, sag ich doch), 2. kulturelle Unterschiede, 3. Unvereinbarkeit des idealisierten Paris-Bildes der Japaner mit der Wirklichkeit und 4. Erschöpfung. In leichten Fällen hilft Bettruhe und viel trinken, in schweren Fällen nur noch die Heimreise.
  • Das Stendhal-Syndrom ist nach dem französischen Schriftsteller Stendhal benannt, der bei seiner Reise nach Florenz in geradezu wahnhafte Verzückung geriet. Es befällt kunstbegeisterte Touristen jeder Nationalität und zeigt sich in ähnlichen Symptomen wie das Paris-Syndrom. Erstmals beschrieben 1979 von der italienischen Psychologin Graziella Magherini.
  • Das Jerusalem-Syndrom macht auch hierzulande regelmäßig Schlagzeilen, wenn zu hohen Feiertagen gläubige Christen und Juden aus aller Welt die historische Stadt besuchen. Einige beeindruckt ihr Aufenthalt so sehr, dass sie sich mit einer biblischen Figur identifizieren, sich in Bettlaken hüllen und auf der Straße zu predigen beginnen. Der israelische Arzt Yair Bar El beschrieb diese psychische Störung erstmals Anfang der 1980er-Jahre.
  • Zu erwähnen wäre auch noch das Venedig-Syndrom. Die Stadt im Wasser zieht nämlich offenbar Selbstmörder an wie die Fliegen, wie die Psychologin Diana Stainer 2000 in einer Studie belegte. Zumindest in keiner anderen italienischen Stadt nehmen sich so viele Touristen das Leben, geplant oder auch spontan.

Gute Reise!

(298 Wörter)

 
3 Kommentare

Verfasst von - 2. November 2012 in Alltag, Medizin

 

Kindergrammatik

Wer sich häufig im Internet und vor allem im sogenannten sozialen Netz herumtreibt, weiß: Katzen- und Kindercontent geht immer. Deshalb möchte ich heute mal aus dem Nähkästchen plaudern und berichten, wie Sohn 2 sich damals die nicht zu Unrecht als komplex verschriene (fragt mal Mark Twain) deutsche Grammatik zu eigen machte.

Er kreierte nämlich kurzerhand eigene Regeln, die er eine Weile auch mit größter Akribie befolgte. Als Erstes nahm er sich das Präteritum vor, also die Vergangenheitsform, für die er an jedes Verb konsequent ein „-et“ hängte: „ich Banane esset“, „ich Kindergarten gehet“, „du fertig tuschet“, „er hinfallet“. Deutsch kann ja so einfach sein! Wie viele andere Kinder erfand er später auch Vergangenheitsformen wie „guck mal, der Aufkleber hier klab an meinem Kissen!“

Noch besser aber fand ich seine Konjunktiv-Konstruktionen. Die kamen später und waren entsprechend auch viel komplexer. So ein Satz in der Möglichkeitsform fing nämlich immer mit der Wendung „hätte ich“ an: „Hätte ich, wir gehen Eis essen“ bedeutete also „Ich wünschte, wir gingen ein Eis essen.“ War der Wunsch besonders stark, schob er gern noch ein sehnsuchtsvolles „ach, hätte ich!“ hinterher. „Hätte ich, wir gehen morgen zu Omi. Ach, hätte ich!“ Elegant zum Auf-die-Knie-Fallen, oder?

Unvergessen auch die Phase, in der ihm klar wurde, dass er sich Dinge in seinem Kopf anders vorstellen konnte, als sie tatsächlich passierten. Wenn er uns die Erkenntnis eines solchen Gedankengangs mitteilen wollte, kam als Nachsatz unweigerlich: „Ich dachte. Aber nich.“

Nicht, dass es heute jemals langweilig wäre, ihm zuzuhören. Aber manchmal trauere ich diesen neuschöpferischen Phasen doch hinterher.

(256 Wörter)

 
2 Kommentare

Verfasst von - 1. Juni 2012 in Alltag, Sprache

 

Umami

Es gibt ja nicht viele japanische Lehnwörter im Deutschen, und die paar bekannten bezeichnen meist die Dinge oder Sportarten, mit denen sie zu uns gekommen sind: Sushi, Tatami, Judo, Karate, Aikido, Zen. Ein Wort aber taucht eher in wissenschaftlichen Zusammenhängen auf und benennt nicht etwa etwas typisch Japanisches, sondern etwas, das wir alle kennen: umami, die fünfte Geschmacksrichtung, die wir neben süß, sauer, salzig und bitter unterscheiden können.

Neu ist der Begriff übrigens nicht, der japanische Wissenschaftler Kikunae Ikeda prägte ihn schon 1908, aber ich zumindest habe erst vor relativ kurzer Zeit zum ersten Mal davon gehört. Auf Japanisch schreibt sich umami so: 旨味. Das erste Zeichen (Kanji) bedeutet „wohlschmeckend, köstlich“ und das zweite steht für „Geschmack“. Umami heißt also nichts weiter als „köstlicher Geschmack“, womit diese Qualität ja eher unzulänglich beschrieben ist. Gemeint ist ein herzhafter, kräftiger Geschmack, der vor allem von der Glutaminsäure hervorgerufen wird, die in besonders großen Mengen beispielsweise in Parmesan, Tomaten, Fleisch und interessanterweise auch in der Muttermilch vorkommt.

Es gibt übrigens auch das entsprechende Adjektiv umai (旨い), das einem vor allem als begeisterter Ausruf über den Weg läuft, wenn etwas richtig lecker ist. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass ich das jemals von einer Frau gehört habe (die sagen oishii), dafür umso häufiger von Männern nach dem ersten Schluck Bier.

Ich würde mir ja wünschen, dass umami auch in die Alltagssprache übergeht. „Und, schmeckt’s?“ – „Ja, ganz gut, könnte aber ein bisschen umamier sein.“

(240 Wörter)

 
2 Kommentare

Verfasst von - 22. März 2012 in Alltag, Japanisch

 

Vogelwilde Wildvögel

Ich war ja schon immer ein echter Tierfan. Deshalb habe ich auch in diesem Jahr eine Ganzjahresfutterstelle für unsere Gartenvögel eingerichtet und freue mich immer, wenn ich dort seltene Gäste entdecke wie Eichelhäher oder Baumläufer.

Als ich letztes Wochenende in Heidelberg auf einem Fortbildungsseminar war und in der Pause vor die Tür trat, um frische Luft zu schnappen, hörte ich ganz eigenartiges Gekrächze aus einem Baum. Neugierig versuchte ich, den Urheber ausfindig zu machen, und war sehr überrascht, als ich in den kahlen Ästen einen, nein, zwei, nein, ziemlich viele grasgrüne Vögel mit langen Schwänzen entdeckte! Wie sich herausstellte, handelte es sich um Sittiche, genauer gesagt um den Kleinen Alexandersittich oder auch Halsbandsittich (Psittacula krameri), die wohl irgendwann mal aus der Gefangenschaft geflohen sind und sich in Heidelberg offenbar pudelwohl fühlen. In den Bäumen vor dem Hauptbahnhof sitzen sie zu Dutzenden, wenn nicht zu Hunderten, und veranstalten ein Heidenspektakel, das habe ich auf der Rückreise selbst erleben können.

Kollegin Miriam war von dem Phänomen weniger überrascht als ich, weil es in Köln ebenfalls eine wilde Sittichpopulation gibt. Auch in Wiesbaden, Worms, Stuttgart und Hamburg leben Alexandersittiche. In einigen Nachbarländern (Niederlande, Belgien und Österreich) brüten sie ebenfalls, in Großbritannien sogar schon seit über 100 Jahren.

Wo kommen sie aber her und warum machen ihnen die kalten Winter nichts aus? Die erste Frage ist nicht mit Sicherheit zu beantworten; da sie ursprünglich aus Asien und Afrika stammen und keine Langstreckenflieger sind, geht man davon aus, dass es sich um Nachkommen von Gefangenschaftsflüchtlingen handelt. In ihrer eigentlichen Heimat erstreckt sich ihr Verbreitungsgebiet über verschiedene Klima- und Höhenzonen, deswegen wird es ihnen hier wohl auch im Winter nicht zu kalt.

Jedenfalls war es ein tolles Erlebnis, Sittiche mal in freier Wildbahn zu erleben. Wer noch mehr wissen will, findet hier weitere Informationen.

(296 Wörter)

 
4 Kommentare

Verfasst von - 17. November 2011 in Alltag, Biologie

 

Man lernt nie aus

Wir Sprachtanten und -onkel sammeln ja oft Wörter wie andere Leute Briefmarken. (Sammelt heute eigentlich noch irgendwer Briefmarken? Oder sammelt man inzwischen digitale Signaturen?) Ich freue mich jedenfalls immer wie ein kleines Kind, wenn ich über einen Ausdruck, einen Begriff, eine Redewendung stolpere, die ich noch nicht kannte.

Neulich war es für die Kinder mal wieder Zeit für den jährlichen Augenarztbesuch. Dabei bekommen sie Augentropfen, die die Pupillen weit stellen, damit die Ärztin ihre Werte genau ausmessen kann. Eine ziemliche Prozedur jedes Mal, zumal für den Kleinen, der offenbar die empfindlicheren Augen hat und dem das ziemlich weh tut. Nach den insgesamt drei Tropfdurchgängen lag er erschöpft und mürrisch in einer Ecke des Wartezimmers und wollte nur noch nach Hause. Als wir dann endlich ins Sprechzimmer durften, fragte ich die nette Augenärztin mehr aus Spaß, ob die Tropfen eigentlich auch schlechte Laune machen (dass sie müde machen, wusste ich).

„Oh ja“, sagte sie zu meiner Überraschung. „Im Beipackzettel steht ‚dysphorisch‘.“

Juhu, ein neues Wort! Es gefällt mir so gut, dass ich es sofort in meinen aktiven Wortschatz zu integrieren versuche. Manche Montage machen mich zum Beispiel total dysphorisch. Und von zu wenig Schokolade wird man auch dysphorisch. Kaffee hilft bei mir oft gut gegen akute Dysphorie. „Hör auf zu nörgeln, Kind, du machst Mama ganz dysphorisch.“

Hach! Es geht doch nichts über die Erweiterung des Wortschatzes.

(225 Wörter)

 
5 Kommentare

Verfasst von - 3. November 2011 in Alltag, Medizin