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Archiv der Kategorie: Alltag

Das perfekte Ich

Zum Thema Optimierung hatte ich neulich ja schon mal was geschrieben. Gar nicht erwähnt hatte ich dabei allerdings, dass der Optimierungswahn nicht nur eine Berufskrankheit zum Beispiel der übersetzenden Zunft ist, sondern dass er allzu schnell auch auf das Privatleben übergreift, wenn man nicht höllisch aufpasst.

Nehmen wir mich als Beispiel. Als alleinerziehende Mutter zweier halbwüchsiger Kinder und selbstständige Unternehmerin habe ich natürlich grundsätzlich alle Hände voll zu tun. Geld muss verdient werden, Kinder müssen in der Spur gehalten werden, der Kühlschrank muss gefüllt, die Wohnung bewohnbar gehalten werden. Und dann möchte ich ja auch noch so etwas wie ein Privatleben pflegen, Sport treiben, im Chor singen, stricken, lesen, auf Konzerte und ins Kino gehen, Freunde treffen.

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Symbolbild: Die linke Spalte ist meine.

Das alles will natürlich gut koordiniert sein. Da auch mein Tag nur 24 Stunden hat und ich zunehmend schlechter mit so wenig Schlaf auskomme, wie ich es aus der Kleinkindzeit gewohnt war, tendiere ich oft dazu, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. Beim Joggen und bei der Hausarbeit höre ich nicht etwa Musik, sondern bilde mich durch Podcasts weiter. Bin ich unterwegs zu einem Seminar oder einer Konferenz, habe ich den Computer dabei und arbeite. Im Auto mitfahren und träumend aus dem Fenster blicken? Undenkbar, ich bringe lieber mein aktuelles Strickprojekt voran.

Auf Dauer ist das alles gar nicht optimal. Zunehmend häufig erwische ich mich dabei, wie ich unterwegs keine Lust habe, mein Gehirn mit noch mehr Wissen zu füttern, sondern einfach gar nichts höre und stattdessen meinen Gedanken nachhänge. Auf einer Zugfahrt konnte ich mich einmal satte vier Stunden zu rein gar nichts aufraffen außer zum Dösen und Aus-dem-Fenster-Starren. Ich arbeite daran, so etwas häufiger einfach zuzulassen. Denn wie sagte die unsterbliche Astrid Lindgren so treffend:

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“

(299 Wörter)

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 17. März 2016 in Alltag

 

Freundlichkeit? Steh ich drauf!

Als ich im letzten Oktober/November zur ATA-Konferenz in Florida war, durfte ich nicht nur einen interessanten Landstrich erkunden, sondern auch die sprichwörtliche amerikanische Servicefreundlichkeit genießen. Ja, ich sage bewusst „genießen“, denn ich komme aus Berlin.

Wer schon mal in Berlin war, der weiß, dass der Berliner an sich die Freundlichkeit nicht unbedingt gepachtet hat. Nicht falsch verstehen, ich liebe Berlin. Ich bin hier aufgewachsen, ich bin die Kodderschnauze gewohnt und ich vermisse den trockenen Berliner Humor, wenn ich woanders bin (zum Beispiel in der U-Bahn: „Dit is keen Adventskalender, Sie dürfen ruhig alle Türen benutzen!“).

Aber ab und zu begebe ich mich gern unter Menschen, die einander freundlich begegnen. Über die Amerikaner wird ja gern gelästert, die Freundlichkeit sei nur aufgesetzt und überhaupt nicht echt. Ich sage: Na und? Ich gehe ja auch nicht in den Laden oder ins Restaurant, um eine neue beste Freundin zu finden, aber ich genieße es, wenn ich freundlich bis überschwänglich begrüßt werde und nicht das Gefühl habe, das diensthabende Personal bei etwas Wichtigerem zu stören.

Im Übrigen glaube ich das mit der falschen Freundlichkeit gar nicht. Ich wurde zum Beispiel in den zwei Wochen dreimal von wildfremden Menschen auf meine Tasche mit Tim-Burton-Motiv angesprochen, weil sie sie einfach schön fanden und mir das mitteilen wollten. Das Gleiche passierte mir übrigens mehrmals in Schottland, wo ich nette Komplimente zu meinen Nerd-Shirts bekam – von der Verkäuferin im Pfundshop, vom Hotelrezeptionisten, einfach so, ohne Hintergedanken. Das ist ein richtig schönes, herzerwärmendes Gefühl, wenn jemand einem grundlos was Nettes sagt! Ich bin versucht, das hier auch einzuführen. Wie wär’s? Das nächste Mal im Bus, wenn ich denke: „Oh, schicke Schuhe/Tasche/Jacke“, das einfach mal laut sagen? Kann ja eigentlich nicht so schwer sein und versüßt einem anderen den Tag. Wer macht mit?

(293 Wörter)

 
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Verfasst von - 9. Februar 2016 in Alltag

 

Die Kinder der Übersetzerin

Kinder sind wunderbar. Eine Bereicherung. Ein Geschenk. Und sie können etwas ganz Besonderes: ihre Eltern in Millisekunden von Null auf Palmenkrone bringen. Weil sie die Alten genau kennen, weil sie genau wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen.

Bei mir sind das oft sprachliche Knöpfe, wen wundert’s. Wenn meine Kinder mich ärgern wollen, sagen sie Sachen wie: „Aber Mama, das macht doch keinen Sinn!“ oder „Da brauch ich gar nicht erst mit anfangen.“ Kreisch! Wörtlich aus dem Deutschen übersetztes Pseudo-Englisch zu sprechen, habe ich ihnen inzwischen streng verboten, „weil der Mama da die Ohren bluten.“ (Ich wollte eben ein Beispiel aufschreiben, aber ich kann nicht. Es tut einfach zu weh.)

Worüber wir uns allerdings gemeinsam köstlich amüsieren können, ist das von ihnen fließend beherrschte Minecraft-Sprech. „Mann, der hackt [gesprochen: häckt] doch voll! Wenn der mich jetzt onehittet, dann reporte ich den aber!“ – (Zum Bruder:) „Nee, du musst erst leaven, bevor du auf den Server raufjoinen kannst.“ (RAUFJOINEN! Was für ein großartiges Wort!) – „Boah, das laggt hier voll. Ist bestimmt ein Bug, ich leave mal, dann kann ich das fixen.“ – „Na toll, jetzt leavt der instant, ist ja wohl voll unfair!“

Ich könnte ihnen stundenlang zuhören. Das ist fast so schön wie Beratersprech! Ich sehe für beide eine rosige Zukunft im gehobenen Management. Bin jetzt schon stolz.

(215 Wörter)

 
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Verfasst von - 26. Januar 2016 in Alltag, Sprache

 

Schief is beautiful

Die Japaner sind ja, man kann es aus der Distanz nicht anders sagen, ein komisches Völkchen. (Und ich bin sicher, sie sagen genau dasselbe über das eine oder andere europäische Volk – wie kann man nur verschimmelten Käse essen! –, und bestimmt ebenso zu Recht.) Als ich in Japan war, wurde mir mal gesagt, die Japaner hätten vor allem zwei Schwächen: alles, was kawaii (niedlich), und alles, was kawaisô (bedauernswert, arm dran) ist.

Bei „niedlich“ fallen einem natürlich zuerst die kulleräugigen Manga-Mädchen ein oder Hello Kitty. Nun sind aber die Japaner, wie eingangs schon bemerkt, ein komisches Völkchen und finden noch ganz andere Dinge niedlich. Zum Beispiel schiefe Zähne.

Weil vor allem Japanerinnen einen schmalen Oberkiefer haben, finden oft nicht alle Zähne nebeneinander Platz und wachsen dann an den falschen Stellen aus dem Kiefer. Besonders betroffen sind die Eckzähne, die dann zum Beispiel ein Stück weiter oben ansetzen oder sonstwie schief stehen.

In der westlichen Welt ein klarer Fall für den Kieferorthopäden, aber nicht in Japan. Im Gegenteil, wenn die Zähne allzu gerade stehen, lassen sich modebewusste junge Frauen sogar künstliche Eckzähne aufkleben, damit sie hervorstehen. Yaeba nennen sie solche Zähne, ganz wörtlich übersetzt „Achtfach-Zahn“, und sie finden das niedlich. Warum? Weil der Anblick an ein Kind im Zahnwechsel erinnert, wenn die Zähne noch zu groß für den Kiefer sind und kreuz und quer stehen. So ein yaeba verleihe den Frauen eine „koboldhafte Niedlichkeit“, sagt ein Zahnarzt in diesem Artikel. Es wird gerade als neuer Trend verkauft, aber schon als ich vor 20 Jahren in Japan war, fielen mir die vielen schiefen Gebisse gerade von jungen Frauen auf. Endlich weiß ich, was es damit auf sich hat.

Ich finde das eigentlich ganz sympathisch. Perfektion ist doch auch langweilig! Schließlich gibt es ja  hierzulande ebenso Menschen, die Madonnas Zahnlücke sexy finden.

(299 Wörter)

 
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Verfasst von - 17. April 2013 in Alltag, Japanisch, Medizin

 

Mein neues Hobby

Ich habe ein neues, subversives Hobby. Und das kam so:

Neulich klickte ich in einem Blog auf einen verlinkten Buchtitel, ein populärwissenschaftliches Fachbuch. Ich landete natürlich auf Amazon und suchte nach weiteren Informationen über das Buch. Inhaltsangabe, Rezensionen, Originaltitel … alles da. Nur die beiden Übersetzer waren nicht aufgeführt. Das ärgerte mich, weil ich immer neugierig bin, wer beispielsweise ähnliche Bücher wie ich übersetzt, und ob ich sie oder ihn vielleicht kenne.

Da bei diesem Titel ein „Blick ins Buch“ möglich war, sah ich im Impressum nach. Und dann beschloss ich, den Missstand zu beheben, und klickte unter den Buchdaten auf „Produktinformationen aktualisieren“. Da kann man nämlich u. a. den Namen eines weiteren Autors oder eben auch der Übersetzerin eingeben, sofern man ein Konto bei Amazon hat. Bisher habe ich das immer nur bei meinen eigenen Büchern gemacht, aber warum eigentlich nicht auch anderen KollegInnen was Gutes tun?

Jetzt halte ich immer die Augen offen, wenn ich auf Amazon herumstöbere (kaufen mag ich da ja schon länger nicht mehr, aber zum Stöbern ist es doch sehr praktisch). Kommt mir ein Buch unter, das eindeutig übersetzt ist, den Übersetzer/die Übersetzerin aber nicht aufführt, korrigiere ich das. Ich bin nämlich genau wie Isabel Bogdan und zahllose andere KollegInnen der Meinung, dass Übersetzer endlich sichtbarer werden müssen.

Na, wer macht mit?

(218 Wörter)

 
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Verfasst von - 13. November 2012 in Alltag, Übersetzeralltag, Sprache

 

Zu viel Kultur ist auch nicht gut

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, sagte ja schon Matthias Claudius vor 200 Jahren. Fremde Länder, fremde Städte, fremde Völker – fantastisch!

Manche vertragen das Reisen aber auch nicht ganz so gut. Ich meine nicht die bedauernswerten Reisekranken oder die armen Opfer von Montezumas Rache. Nein, es gibt auch mentale Unverträglichkeiten, besonders heftige Ausprägungen des Kulturschocks. Beispiele gefällig?

  • Das Paris-Syndrom wurde erstmals 1991 vom japanischen Psychiater Hiroaki Ota beschrieben und befällt vornehmlich japanische Touristen in – genau – Paris. Es äußert sich durch psychische Symptome wie Wahnzustände, Halluzinationen, Derealisation und Depersonalisation, aber auch durch körperliche Anzeichen wie Schwindel, Herzrasen und starkes Schwitzen. Folgende Faktoren gelten als Ursache: 1. Sprachbarriere (ha! Fremdsprachenkenntnisse erhalten die geistige Gesundheit, sag ich doch), 2. kulturelle Unterschiede, 3. Unvereinbarkeit des idealisierten Paris-Bildes der Japaner mit der Wirklichkeit und 4. Erschöpfung. In leichten Fällen hilft Bettruhe und viel trinken, in schweren Fällen nur noch die Heimreise.
  • Das Stendhal-Syndrom ist nach dem französischen Schriftsteller Stendhal benannt, der bei seiner Reise nach Florenz in geradezu wahnhafte Verzückung geriet. Es befällt kunstbegeisterte Touristen jeder Nationalität und zeigt sich in ähnlichen Symptomen wie das Paris-Syndrom. Erstmals beschrieben 1979 von der italienischen Psychologin Graziella Magherini.
  • Das Jerusalem-Syndrom macht auch hierzulande regelmäßig Schlagzeilen, wenn zu hohen Feiertagen gläubige Christen und Juden aus aller Welt die historische Stadt besuchen. Einige beeindruckt ihr Aufenthalt so sehr, dass sie sich mit einer biblischen Figur identifizieren, sich in Bettlaken hüllen und auf der Straße zu predigen beginnen. Der israelische Arzt Yair Bar El beschrieb diese psychische Störung erstmals Anfang der 1980er-Jahre.
  • Zu erwähnen wäre auch noch das Venedig-Syndrom. Die Stadt im Wasser zieht nämlich offenbar Selbstmörder an wie die Fliegen, wie die Psychologin Diana Stainer 2000 in einer Studie belegte. Zumindest in keiner anderen italienischen Stadt nehmen sich so viele Touristen das Leben, geplant oder auch spontan.

Gute Reise!

(298 Wörter)

 
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Verfasst von - 2. November 2012 in Alltag, Medizin

 

Kindergrammatik

Wer sich häufig im Internet und vor allem im sogenannten sozialen Netz herumtreibt, weiß: Katzen- und Kindercontent geht immer. Deshalb möchte ich heute mal aus dem Nähkästchen plaudern und berichten, wie Sohn 2 sich damals die nicht zu Unrecht als komplex verschriene (fragt mal Mark Twain) deutsche Grammatik zu eigen machte.

Er kreierte nämlich kurzerhand eigene Regeln, die er eine Weile auch mit größter Akribie befolgte. Als Erstes nahm er sich das Präteritum vor, also die Vergangenheitsform, für die er an jedes Verb konsequent ein „-et“ hängte: „ich Banane esset“, „ich Kindergarten gehet“, „du fertig tuschet“, „er hinfallet“. Deutsch kann ja so einfach sein! Wie viele andere Kinder erfand er später auch Vergangenheitsformen wie „guck mal, der Aufkleber hier klab an meinem Kissen!“

Noch besser aber fand ich seine Konjunktiv-Konstruktionen. Die kamen später und waren entsprechend auch viel komplexer. So ein Satz in der Möglichkeitsform fing nämlich immer mit der Wendung „hätte ich“ an: „Hätte ich, wir gehen Eis essen“ bedeutete also „Ich wünschte, wir gingen ein Eis essen.“ War der Wunsch besonders stark, schob er gern noch ein sehnsuchtsvolles „ach, hätte ich!“ hinterher. „Hätte ich, wir gehen morgen zu Omi. Ach, hätte ich!“ Elegant zum Auf-die-Knie-Fallen, oder?

Unvergessen auch die Phase, in der ihm klar wurde, dass er sich Dinge in seinem Kopf anders vorstellen konnte, als sie tatsächlich passierten. Wenn er uns die Erkenntnis eines solchen Gedankengangs mitteilen wollte, kam als Nachsatz unweigerlich: „Ich dachte. Aber nich.“

Nicht, dass es heute jemals langweilig wäre, ihm zuzuhören. Aber manchmal trauere ich diesen neuschöpferischen Phasen doch hinterher.

(256 Wörter)

 
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Verfasst von - 1. Juni 2012 in Alltag, Sprache