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Archiv der Kategorie: Japanisch

Schief is beautiful

Die Japaner sind ja, man kann es aus der Distanz nicht anders sagen, ein komisches Völkchen. (Und ich bin sicher, sie sagen genau dasselbe über das eine oder andere europäische Volk – wie kann man nur verschimmelten Käse essen! –, und bestimmt ebenso zu Recht.) Als ich in Japan war, wurde mir mal gesagt, die Japaner hätten vor allem zwei Schwächen: alles, was kawaii (niedlich), und alles, was kawaisô (bedauernswert, arm dran) ist.

Bei „niedlich“ fallen einem natürlich zuerst die kulleräugigen Manga-Mädchen ein oder Hello Kitty. Nun sind aber die Japaner, wie eingangs schon bemerkt, ein komisches Völkchen und finden noch ganz andere Dinge niedlich. Zum Beispiel schiefe Zähne.

Weil vor allem Japanerinnen einen schmalen Oberkiefer haben, finden oft nicht alle Zähne nebeneinander Platz und wachsen dann an den falschen Stellen aus dem Kiefer. Besonders betroffen sind die Eckzähne, die dann zum Beispiel ein Stück weiter oben ansetzen oder sonstwie schief stehen.

In der westlichen Welt ein klarer Fall für den Kieferorthopäden, aber nicht in Japan. Im Gegenteil, wenn die Zähne allzu gerade stehen, lassen sich modebewusste junge Frauen sogar künstliche Eckzähne aufkleben, damit sie hervorstehen. Yaeba nennen sie solche Zähne, ganz wörtlich übersetzt „Achtfach-Zahn“, und sie finden das niedlich. Warum? Weil der Anblick an ein Kind im Zahnwechsel erinnert, wenn die Zähne noch zu groß für den Kiefer sind und kreuz und quer stehen. So ein yaeba verleihe den Frauen eine „koboldhafte Niedlichkeit“, sagt ein Zahnarzt in diesem Artikel. Es wird gerade als neuer Trend verkauft, aber schon als ich vor 20 Jahren in Japan war, fielen mir die vielen schiefen Gebisse gerade von jungen Frauen auf. Endlich weiß ich, was es damit auf sich hat.

Ich finde das eigentlich ganz sympathisch. Perfektion ist doch auch langweilig! Schließlich gibt es ja  hierzulande ebenso Menschen, die Madonnas Zahnlücke sexy finden.

(299 Wörter)

 
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Verfasst von - 17. April 2013 in Alltag, Japanisch, Medizin

 

Auf die Ohren: Japanische Podcasts II

Vor einigen Monaten habe ich hier ja meine liebsten japanischen, französischen, englischen und deutschen Podcasts vorgestellt, die geneigte Leserschaft erinnert sich vielleicht noch.

Inzwischen sind in allen Sprachen noch welche dazugekommen, andere habe ich aussortiert – kurzum: Zeit für eine Ergänzungsliste! Hier also meine neusten Fundstücke aus dem Reich der japanischen Podcasts zu den Themen Wissenschaft und Medizin:

JapanesePod101.com fällt da gleich mal etwas aus dem Raster, denn hier findet man eigentlich Podcasts zum Japanischlernen. Man kann sich auf der Website kostenlos registrieren (und bekommt fortan natürlich regelmäßig Werbung für die Bezahlprogramme der Seite, das ist eben der Preis für „kostenlos“) und kann dann verschiedene Podcasts oder Audioblogs abonnieren, wie sie das nennen. Schön geordnet nach Schwierigkeitsgrad. Sehr aufbauend, wenn man in der halsbrecherisch durcheinander redenden Talkrunde zum Wissenschaftsthema in einem der anderen Podcasts mal wieder nur Bahnhof verstanden hat.

Nâsu Yuko no Night Hospital (Schwester Yukos Nachtkrankenhaus) Schnell, reichlich überdreht, aber auch unterhaltsam und lehrreich. Schwester Yuko albert mit dem jeweiligen Gast herum (offenbar meist Freunde) und klärt nebenbei medizinische Zuhörerfragen. Wenn man sich an den Turbogang gewöhnt hat, richtig charmant. (Der Link scheint leider im Moment nicht zu funktionieren.)

Seishun arudehido (Jugend-Aldehyd) gewinnt eindeutig den Preis für den abgedrehtesten Namen. Zwei Moderatoren plaudern eine runde halbe Stunde über mehr oder weniger aktuelle Themen aus Wissenschaft und Medizin, mal mit, mal ohne Gäste. Besondere Herausforderung: Die Herren stammen offenbar aus Osaka und sprechen dementsprechend auch kein „Hochjapanisch“, sondern (gemäßigten) Kansai-Dialekt. Ohrenzucker!

Im nächsten Beitrag verrate ich meine französischen Neuentdeckungen.

(250 Wörter)

 
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Verfasst von - 21. November 2012 in Japanisch, Medizin, Weiterbildung

 

Japanische Zählwörter

Eins der Dinge, für die man die japanische Sprache ja lieben muss (wenn man nicht daran verzweifeln will), ist die Tatsache, dass sie für alle möglichen Gruppen von Dingen jeweils ein ganz bestimmtes Zählwort hat.

Nehmen wir an, ich will Bäume zählen. Ein prototypischer Baum (ki) ist lang und (im Verhältnis) dünn, das Zählwort für Dinge mit solchen Eigenschaften ist hon. Stehen da nun 5 Bäume, nehme ich die Zahl Fünf – go – und hänge das Zählwort an. „5 Bäume“ hießen also gohon no ki. (Das no ist ein Genetivpartikel, an dieser Stelle nicht so wichtig.)

Andere längliche, dünne Gegenstände sind z. B. Bleistifte, Flaschen, Nägel, Lineale, aber auch, und solche Merkwürdigkeiten kennt jede Zählwortgruppe, Telefongespräche und Filme (wohl wegen des Filmstreifens). Das Zählwort für runde, flache Gegenstände (Räder, Blumen) heißt rin, das für Gebäude ken, bei Büchern sagt man satsu, bei einzelnen Blättern aber mai, das auch für andere flache Objekte wie Bettlaken, Kleidung oder Fotos verwendet wird.

Ganz verrückt wird es bei den Tieren. Da gibt es nicht etwa nur ein Zählwort, o nein! Vierbeiner werden anders gezählt (hiki) als Vögel (wa) oder Fische (bi), ganz große Vierbeiner wie Kühe oder Elefanten haben noch mal ein eigenes Zählwort (tô). Und Hasen werden gezählt wie Vögel. Klar.

Insgesamt gibt es laut Wikipedia rund 100 verschiedene Zählwörter. Da verwundert es kaum, dass auch Muttersprachler manchmal ins Schleudern kommen, in welche Kategorie das zu zählende Objekt denn nun gehört. Praktischerweise gibt es zur Not bis 10 auch noch die rein japanische Zählweise, bei der die Zahlen allein stehen. Will man also 5 Bier (bîru) bestellen und ist sich nicht sicher, ob ein Bier im Glas als länglich und dünn gilt oder ob es für Bier nicht etwa doch ein spezielles Zählwort gibt, kann man immer noch bîru itsutsu bestellen. Oder man nimmt die Finger.

(300 Wörter)

 
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Verfasst von - 5. Juni 2012 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

2 hilfreiche Links für Japanisch-Übersetzer

Da ich für Japanisch und Französisch beim Berliner Landgericht ermächtigt bin, bekomme ich regelmäßig Dokumente auf den Tisch, die man für eine Eheschließung in Deutschland braucht. Für Japaner sind das Familienregisterauszug, Ehefähigkeitsbescheinigung und manchmal auch Meldebescheinigung. Ich übersetze solche Dokumente recht gern, weil sie standardisiert sind, also selten Überraschungen bergen, und auch, weil es irgendwie ein schönes Gefühl ist, zwei Menschen dabei behilflich zu sein, in ihr gemeinsames Leben zu starten. (Schon gut, ich habe romantische Adern an den unmöglichsten Stellen, ich weiß.)

Ohne zwei bestimmte Websites hätte ich dabei aber richtig Mühe. Die eine brauche ich für die Adressen – man kann sich dort ganz bequem von Präfektur über Landkreis oder Stadt bis zu Stadtbezirk und Unterbezirk durchklicken und bekommt die Lesungen, die häufig historisch gewachsen sind und herkömmlichen Regeln daher nicht unbedingt folgen, gleich mitgeliefert. Etwas problematischer wird es, wenn Landkreise im Zuge irgendwelcher Landreformen zusammengeworfen und umbenannt wurden, und solche Reformen gab es nicht gerade selten, gerade nach dem 2. Weltkrieg. Teilweise sind die alten Bezirke noch aufgeführt (leider in Weiß auf Grau, sehr schwer zu entziffern), manchmal muss ich aber auch die japanische Wikipedia bemühen. Je früher das Geburtsdatum, desto wahrscheinlicher hat es inzwischen mal eine Reform gegeben.

Apropos Geburtsdatum: Für die Daten brauche ich die zweite Website. In Japan werden die Jahreszahlen nämlich nicht in der uns bekannten Schreibweise angegeben, sondern als Herrschaftsjahre des gerade amtierenden Kaisers. Derzeit haben wir zum Beispiel das Jahr Heisei 24, also das 24. Jahr unter Kaiser Akihito, der sich den Äranamen Heisei („Frieden vollenden“) gegeben hat. Der Äraname ist so etwas wie ein Motto, unter den der Herrscher seine Herrschaftsperiode stellt. Da ich aber nicht dauernd umrechnen will, sehe ich schnell auf der Website nach, welchem Jahr das japanische Datum entspricht.

Eigentlich alles ganz einfach, wenn man weiß, wie es geht!

(299 Wörter)

 
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Verfasst von - 25. Mai 2012 in Übersetzeralltag, Japanisch, Trickkiste

 

Umami

Es gibt ja nicht viele japanische Lehnwörter im Deutschen, und die paar bekannten bezeichnen meist die Dinge oder Sportarten, mit denen sie zu uns gekommen sind: Sushi, Tatami, Judo, Karate, Aikido, Zen. Ein Wort aber taucht eher in wissenschaftlichen Zusammenhängen auf und benennt nicht etwa etwas typisch Japanisches, sondern etwas, das wir alle kennen: umami, die fünfte Geschmacksrichtung, die wir neben süß, sauer, salzig und bitter unterscheiden können.

Neu ist der Begriff übrigens nicht, der japanische Wissenschaftler Kikunae Ikeda prägte ihn schon 1908, aber ich zumindest habe erst vor relativ kurzer Zeit zum ersten Mal davon gehört. Auf Japanisch schreibt sich umami so: 旨味. Das erste Zeichen (Kanji) bedeutet „wohlschmeckend, köstlich“ und das zweite steht für „Geschmack“. Umami heißt also nichts weiter als „köstlicher Geschmack“, womit diese Qualität ja eher unzulänglich beschrieben ist. Gemeint ist ein herzhafter, kräftiger Geschmack, der vor allem von der Glutaminsäure hervorgerufen wird, die in besonders großen Mengen beispielsweise in Parmesan, Tomaten, Fleisch und interessanterweise auch in der Muttermilch vorkommt.

Es gibt übrigens auch das entsprechende Adjektiv umai (旨い), das einem vor allem als begeisterter Ausruf über den Weg läuft, wenn etwas richtig lecker ist. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass ich das jemals von einer Frau gehört habe (die sagen oishii), dafür umso häufiger von Männern nach dem ersten Schluck Bier.

Ich würde mir ja wünschen, dass umami auch in die Alltagssprache übergeht. „Und, schmeckt’s?“ – „Ja, ganz gut, könnte aber ein bisschen umamier sein.“

(240 Wörter)

 
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Verfasst von - 22. März 2012 in Alltag, Japanisch

 

Auf die Ohren: Japanische Podcasts

Wie versprochen, eröffne ich mit diesem Artikel eine kleine Reihe über meine Lieblingspodcasts in 4 Sprachen zum Thema Wissenschaft und Medizin. Beginnen wir mit dem ganz Speziellen: japanischen Podcasts.

1. Science Podcast Genau genommen ein Portal, das täglich verschiedene Podcasts bereitstellt. Am besten gefällt mir die halbstündige Sendung des CoSTEP (Communicators in Science and Technology Education Program), in dem einige Studentinnen der Universität Hokkaido verschiedenen Themen nachgehen. Frauen verstehe ich ohnehin besser als Männer (aus mehreren Gründen, zu Männer- und Frauensprache folgt vielleicht mal ein eigener Beitrag), und diese jungen Damen erklären das jeweilige Thema sehr ausführlich und kurzweilig.

2. Digital Imushitsu he yôkoso (Willkommen im digitalen Sprechzimmer) In einer Art Gesprächsrunde mit einem Arzt werden alltägliche medizinische Themen behandelt, die u. a. von Hörerinnen und Hörern eingeschickt wurden. Auch hier werden die Sachverhalte schön allgemeinverständlich dargestellt, etwa der Unterschied zwischen Noro- und Rotaviren.

3. Planet green Podcast In diesem Podcast geht es um Outdoor-Sportarten, Reisen und Natur. Der Moderator Robert Harris (trotz des unwahrscheinlichen Namens ein waschechter Japaner, na ja, zu drei Vierteln jedenfalls) interviewt in jeder Sendung eine/n Sportler/in, erzählt von seinen Reisen um den Erdball und beantwortet Zuhörerfragen. Sympathisches kleines Podcast, wo sonst lernt man japanische Segler, Triathletinnen oder Freeclimbing-Meisterinnen kennen? (Wird übrigens leider nicht fortgeführt, aber da es nicht um tagesaktuelle Themen geht, dürften die 28 Folgen im Archiv den meisten wohl erst mal reichen.)

4. Meriken! Sakkuri Drama! Mein vierter Lieblingspodcast hat gar nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern ist eine sehr gut produzierte Hörspielreihe. Ein Hörspiel besteht aus mehreren Folgen, die wöchentlich ausgestrahlt werden, das Genre wechselt (SciFi, typisch japanische Geistergeschichten, Krimi …). Richtig unterhaltsam und gut verständlich, sehr zu empfehlen!

Next up: meine liebsten französischsprachigen Podcasts.

(277 Wörter)

 
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Verfasst von - 2. Februar 2012 in Biologie, Japanisch, Medizin, Weiterbildung

 

Wie man ein Kanji nachschlägt

Glaubt’s oder nicht, so ein Video wollte ich auch schon drehen, um zu illustrieren, wie genau man japanische Kanji nachschlägt. Der großartige Stephen Fry wusste das nämlich auch nicht und bekommt es von zwei freundlichen Chinesen erklärt.

(Das Video ist auf Englisch und es geht um Chinesisch, aber ein Kanji-Lexikon ist genauso aufgebaut. Wem also diese Erklärung nicht ausführlich genug war, versteht hier vielleicht besser, was ich meinte.)

(67 Wörter)

 
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Verfasst von - 28. Oktober 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

Japanische Sprache – schwere Sprache

Wenn ich erzähle, dass ich aus dem Japanischen übersetze, ist die Standardantwort: „Oh, Japanisch! Ist das nicht furchtbar schwer?“ – „Ach“, erwidere ich dann bescheiden, „eigentlich auch nicht schwerer als andere Sprachen.“ Damit ernte ich dann noch mal erstaunte Blicke. Kann das denn sein, eine so exotische Sprache und trotzdem nicht unglaublich schwer?

Die Antwort lautet: Ja und Nein. Meiner Erfahrung nach gibt es in jeder Sprache ruhige Gewässer und tückische Untiefen, nur eben an jeweils anderen Stellen. So ist die deutsche Grammatik mit ihren drei Genera und den vier Kasus mit Sicherheit mühsam zu erlernen, dafür gilt sie aber als recht zuhörerfreundlich. Der Satz „Die Bücher liegen auf dem Tisch“ vermittelt gleich dreimal, dass das Subjekt im Plural steht, nämlich durch die Form des Artikels, des Nomens und des Verbs. Wer es dann noch nicht kapiert hat, der hat schlicht nicht aufgepasst.

Im Japanischen gibt es nicht viel Grammatik. Keinen Numerus, keine Verbkonjugation, nur zwei Zeiten: Gegenwart und Vergangenheit. Lernende können also recht bald eigene Sätze bilden und sich verständlich machen. Das wirklich Schwierige am Japanischen ist neben den vielen Schriftzeichen die ausgeprägte Kontextabhängigkeit. Wie im Lateinischen wird das Subjekt oft weggelassen, und da man dem Verb nicht ansieht, ob es im Singular oder im Plural steht, muss man oft höllisch aufpassen, dass man den Zusammenhang richtig begreift, sonst geht die Übersetzung daneben. Ich habe neulich einen kurzen, einfachen Brief übersetzt und wusste nicht, ob der Verfasser von sich oder von jemand anderem sprach, weil ich den Kontext nicht kannte und im ganzen Brief kein einziges Subjekt auftauchte. So etwas ins Deutsche zu bringen, diese präzise Sprache, die Schwammigkeiten nicht duldet und am liebsten alles festnageln will, ähnelt dem Versuch, mit bloßen Händen einen glitschigen Fisch zu fangen.

Na schön, ich korrigiere: Manchmal ist es doch ganz schön schwer.

(300 Wörter)

 
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Verfasst von - 19. Oktober 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

Kleine Checkliste für Japanisch-Übersetzende

Wer Japanisch übersetzen möchte, braucht dazu überraschenderweise eine Reihe von Dingen, auf die Übersetzer/innen anderer Sprachen verzichten können. Als da wären:

  • ein Kanji-Lexikon (Kanji sind die sinojapanischen Zeichen, also die komplizierten, die man dauernd wieder vergisst). Ein richtig tolles hat Hans-Jörg Bibiko inzwischen auch online gestellt, aber ich persönlich komme mit dem Buchformat irgendwie immer noch besser klar.
  • Wörterbücher eigentlich nicht unbedingt. Die Auswahl an Japanisch-Deutsch-Wörterbüchern ist sehr übersichtlich und zum großen Teil entweder veraltet oder unbezahlbar. Das umfangreichste und aktuellste, das ich kenne, das WaDoKu, gibt es sowieso nur online.
  • ein Namenslexikon. In den meisten Texten taucht irgendwo auch ein Name auf, der nicht zu den häufigen wie Yamada, Ueda oder Matsumoto gehört. Nur um die arme Übersetzerin zu ärgern, denken sich manche japanische Eltern offenbar besonders perfide, sprich seltene Vornamen mit total einzigartigen Lesungen aus. Manchmal findet man sie im Namenslexikon, oft genug aber auch nicht.
  • eine Lupe zum Auszählen von Strichen in fipselig kleinen Kanji auf Papiervorlagen, gern auch in schlechter Druckqualität. Man sollte es ja nicht glauben, aber der überwiegende Teil der Übersetzungsaufträge aus dem Japanischen erreicht mich auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nicht in maschinenlesbarer Form, sondern bestenfalls als Bilddatei. Die Lupe kommt wirklich bei so gut wie jedem Auftrag zum Einsatz.
  • einen Bleistift zum Notieren der mühevoll herausgesuchten Lesung über den Kanji. Diese so genannten furigana finden sich als Lesehilfe bei weniger geläufigen Wörtern auch in japanischen Texten. Wenn ich mir die Lesung nicht gleich notiere, stehen die Chancen gut, dass ich die ersten drei Wörter wieder vergessen habe, bis ich mit dem Satz durch bin.
  • viel Platz zum Ausbreiten aller nötigen Utensilien.

Englisch- und Französisch-Übersetzungen kann ich zur Not mit dem Laptop auf dem Schoß machen, bei Japanisch-Übersetzungen funktioniert das nicht. Sagt einem vorher auch keiner.

(294 Wörter)

 
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Verfasst von - 7. September 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

Japanisch übersetzen

Wenn ich eine Anfrage für eine Übersetzung aus dem Japanischen bekomme, sage ich dem potenziellen Kunden, dass die Übersetzung etwa doppelt so aufwendig ist wie eine Übersetzung aus dem Englischen oder Französischen und ich daher auch ziemlich genau das Doppelte dafür verlange. Aber was genau macht sie eigentlich so aufwendig? Mal sehen, ob ich das in 300 Wörtern erklären kann.

Wenn ich z. B. einen englischen Begriff nicht kenne, schlage ich ihn einfach unter seinem Anfangsbuchstaben im Wörterbuch nach. Bei einem japanischen Begriff dagegen muss ich erst mal wissen, wie er ausgesprochen wird, um ihn nachschlagen zu können. Die meisten Nomen bestehen aus 2 sinojapanischen Zeichen, den Kanji. (Das Japanische verwendet eine Mischung aus 3 Alphabeten, von denen 2 Silbenalphabete mit je 50 Zeichen sind. Das dritte besteht aus den aus China eingewanderten Kanji; es gibt 1945 „offizielle“ Kanji, die ausreichen, um behördliche Verlautbarungen u. Ä. zu lesen, für Bücher braucht man rund 3000.) Will ich nun ein Kanji im Kanji-Wörterbuch nachschlagen, muss ich es sezieren.

Beispiel: Das Wort 猫 (neko = Katze) besteht aus einem linken und einem rechten Teil (der rechte wiederum aus einem oberen und einem unteren, aber das hat hier keine Bedeutung). Der linke Teil ist das sogenannte Radikal, unter dem es im Wörterbuch aufgeführt ist. In diesem Fall ist das ironischerweise das Radikal犭mit der Bedeutung „Hund“. Jetzt zähle ich die Striche des Zeichens (hier: 11), schlage unter dem Radikal im Wörterbuch nach und finde das Zeichen je nach Wörterbuch unter 11 (Gesamtstrichzahl) oder 8 (Strichzahl ohne Radikal) Strichen. Nun kenne ich endlich die Lesung und kann es im Japanisch-Deutsch-Wörterbuch erneut nachschlagen.

Einfacher ist es natürlich, wenn der Text elektronisch vorliegt und ich die Zeichen per copy & paste suchen kann. Das ist aber immer noch eher die Ausnahme! Unerwähnt bleibt hier, dass es meist mehrere mögliche Lesungen gibt … Wird klar, was ich mit „doppeltem Aufwand“ meine?

(300 Wörter)

 
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Verfasst von - 27. Juni 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch