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Archiv der Kategorie: Japanisch

Japanische Sprache – schwere Sprache

Wenn ich erzähle, dass ich aus dem Japanischen übersetze, ist die Standardantwort: „Oh, Japanisch! Ist das nicht furchtbar schwer?“ – „Ach“, erwidere ich dann bescheiden, „eigentlich auch nicht schwerer als andere Sprachen.“ Damit ernte ich dann noch mal erstaunte Blicke. Kann das denn sein, eine so exotische Sprache und trotzdem nicht unglaublich schwer?

Die Antwort lautet: Ja und Nein. Meiner Erfahrung nach gibt es in jeder Sprache ruhige Gewässer und tückische Untiefen, nur eben an jeweils anderen Stellen. So ist die deutsche Grammatik mit ihren drei Genera und den vier Kasus mit Sicherheit mühsam zu erlernen, dafür gilt sie aber als recht zuhörerfreundlich. Der Satz „Die Bücher liegen auf dem Tisch“ vermittelt gleich dreimal, dass das Subjekt im Plural steht, nämlich durch die Form des Artikels, des Nomens und des Verbs. Wer es dann noch nicht kapiert hat, der hat schlicht nicht aufgepasst.

Im Japanischen gibt es nicht viel Grammatik. Keinen Numerus, keine Verbkonjugation, nur zwei Zeiten: Gegenwart und Vergangenheit. Lernende können also recht bald eigene Sätze bilden und sich verständlich machen. Das wirklich Schwierige am Japanischen ist neben den vielen Schriftzeichen die ausgeprägte Kontextabhängigkeit. Wie im Lateinischen wird das Subjekt oft weggelassen, und da man dem Verb nicht ansieht, ob es im Singular oder im Plural steht, muss man oft höllisch aufpassen, dass man den Zusammenhang richtig begreift, sonst geht die Übersetzung daneben. Ich habe neulich einen kurzen, einfachen Brief übersetzt und wusste nicht, ob der Verfasser von sich oder von jemand anderem sprach, weil ich den Kontext nicht kannte und im ganzen Brief kein einziges Subjekt auftauchte. So etwas ins Deutsche zu bringen, diese präzise Sprache, die Schwammigkeiten nicht duldet und am liebsten alles festnageln will, ähnelt dem Versuch, mit bloßen Händen einen glitschigen Fisch zu fangen.

Na schön, ich korrigiere: Manchmal ist es doch ganz schön schwer.

(300 Wörter)

 
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Verfasst von - 19. Oktober 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

Kleine Checkliste für Japanisch-Übersetzende

Wer Japanisch übersetzen möchte, braucht dazu überraschenderweise eine Reihe von Dingen, auf die Übersetzer/innen anderer Sprachen verzichten können. Als da wären:

  • ein Kanji-Lexikon (Kanji sind die sinojapanischen Zeichen, also die komplizierten, die man dauernd wieder vergisst). Ein richtig tolles hat Hans-Jörg Bibiko inzwischen auch online gestellt, aber ich persönlich komme mit dem Buchformat irgendwie immer noch besser klar.
  • Wörterbücher eigentlich nicht unbedingt. Die Auswahl an Japanisch-Deutsch-Wörterbüchern ist sehr übersichtlich und zum großen Teil entweder veraltet oder unbezahlbar. Das umfangreichste und aktuellste, das ich kenne, das WaDoKu, gibt es sowieso nur online.
  • ein Namenslexikon. In den meisten Texten taucht irgendwo auch ein Name auf, der nicht zu den häufigen wie Yamada, Ueda oder Matsumoto gehört. Nur um die arme Übersetzerin zu ärgern, denken sich manche japanische Eltern offenbar besonders perfide, sprich seltene Vornamen mit total einzigartigen Lesungen aus. Manchmal findet man sie im Namenslexikon, oft genug aber auch nicht.
  • eine Lupe zum Auszählen von Strichen in fipselig kleinen Kanji auf Papiervorlagen, gern auch in schlechter Druckqualität. Man sollte es ja nicht glauben, aber der überwiegende Teil der Übersetzungsaufträge aus dem Japanischen erreicht mich auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nicht in maschinenlesbarer Form, sondern bestenfalls als Bilddatei. Die Lupe kommt wirklich bei so gut wie jedem Auftrag zum Einsatz.
  • einen Bleistift zum Notieren der mühevoll herausgesuchten Lesung über den Kanji. Diese so genannten furigana finden sich als Lesehilfe bei weniger geläufigen Wörtern auch in japanischen Texten. Wenn ich mir die Lesung nicht gleich notiere, stehen die Chancen gut, dass ich die ersten drei Wörter wieder vergessen habe, bis ich mit dem Satz durch bin.
  • viel Platz zum Ausbreiten aller nötigen Utensilien.

Englisch- und Französisch-Übersetzungen kann ich zur Not mit dem Laptop auf dem Schoß machen, bei Japanisch-Übersetzungen funktioniert das nicht. Sagt einem vorher auch keiner.

(294 Wörter)

 
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Verfasst von - 7. September 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

Japanisch übersetzen

Wenn ich eine Anfrage für eine Übersetzung aus dem Japanischen bekomme, sage ich dem potenziellen Kunden, dass die Übersetzung etwa doppelt so aufwendig ist wie eine Übersetzung aus dem Englischen oder Französischen und ich daher auch ziemlich genau das Doppelte dafür verlange. Aber was genau macht sie eigentlich so aufwendig? Mal sehen, ob ich das in 300 Wörtern erklären kann.

Wenn ich z. B. einen englischen Begriff nicht kenne, schlage ich ihn einfach unter seinem Anfangsbuchstaben im Wörterbuch nach. Bei einem japanischen Begriff dagegen muss ich erst mal wissen, wie er ausgesprochen wird, um ihn nachschlagen zu können. Die meisten Nomen bestehen aus 2 sinojapanischen Zeichen, den Kanji. (Das Japanische verwendet eine Mischung aus 3 Alphabeten, von denen 2 Silbenalphabete mit je 50 Zeichen sind. Das dritte besteht aus den aus China eingewanderten Kanji; es gibt 1945 „offizielle“ Kanji, die ausreichen, um behördliche Verlautbarungen u. Ä. zu lesen, für Bücher braucht man rund 3000.) Will ich nun ein Kanji im Kanji-Wörterbuch nachschlagen, muss ich es sezieren.

Beispiel: Das Wort 猫 (neko = Katze) besteht aus einem linken und einem rechten Teil (der rechte wiederum aus einem oberen und einem unteren, aber das hat hier keine Bedeutung). Der linke Teil ist das sogenannte Radikal, unter dem es im Wörterbuch aufgeführt ist. In diesem Fall ist das ironischerweise das Radikal犭mit der Bedeutung „Hund“. Jetzt zähle ich die Striche des Zeichens (hier: 11), schlage unter dem Radikal im Wörterbuch nach und finde das Zeichen je nach Wörterbuch unter 11 (Gesamtstrichzahl) oder 8 (Strichzahl ohne Radikal) Strichen. Nun kenne ich endlich die Lesung und kann es im Japanisch-Deutsch-Wörterbuch erneut nachschlagen.

Einfacher ist es natürlich, wenn der Text elektronisch vorliegt und ich die Zeichen per copy & paste suchen kann. Das ist aber immer noch eher die Ausnahme! Unerwähnt bleibt hier, dass es meist mehrere mögliche Lesungen gibt … Wird klar, was ich mit „doppeltem Aufwand“ meine?

(300 Wörter)

 
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Verfasst von - 27. Juni 2011 in Übersetzeralltag, Japanisch

 

Nase voll.

Ich bekomme in letzter Zeit zunehmend Anfragen für Übersetzungen aus dem Japanischen ins Deutsche, vorzugsweise von Agenturen, mit denen ich noch nie etwas zu tun hatte. Problem 1: In 80 % der Fälle wird kein Auftrag daraus. Problem 2: Bei den angefragten Dokumenten handelt es sich fast immer um Bilddateien (PDF ohne markierbaren Text, JPG, TIFF … you name it), wenn es nicht ohnehin eine schief eingescannte Vorlage in grausiger Qualität ist (eingescanntes Fax ist mein Favorit!).

Ich habe dermaßen die Nase voll davon, dass man mir solche Dateien vor den Latz knallt mit der „Bitte um Festpreis und Bearbeitungszeit“, ich mich als brave Dienstleisterin natürlich hinsetze, mir den Text genau ansehe und den Aufwand abzuschätzen versuche – kostet mich meistens eine runde halbe Stunde und oft genug bekomme ich nicht mal eine Antwort.

Was mich daran besonders aufregt: Die Agenturen wissen weder, was das überhaupt für Dokumente sind, noch, wie man so was kalkuliert. Sie werben mit Übersetzungen aus dem Japanischen und lassen mich dann ihre Arbeit machen, schlagen auf mein Angebot einfach eine Marge drauf und leiten dann alles an ihren Kunden weiter. Sie können ihm weder erklären, warum es „so viel“ kostet, noch, warum es „so lange“ dauert, weil sie eben selbst keine Ahnung haben. Warum bieten sie diese Leistung dann an?!

Aber nun ist Schluss. Ich habe eine Liste mit Preisen für Standarddokumente (Familienregister, Führerschein etc.) und Zeichenpreisen für verschiedene Arten von Dokumenten erstellt und eine Standard-Antwortmail dazu entworfen, in der ich erkläre, wie man japanische Zeichen in einem Word-Dokument zählt. Für alle nicht auszählbaren Dateien berechne ich für den Kostenvoranschlag ab sofort einen Festpreis, der natürlich im Auftragsfall mit dem Auftragswert verrechnet wird.

Fast freue ich mich auf die unbedarfte Anfrage des nächsten Umtüters, dem ich meine Liste dann kalt lächelnd um die Ohren hauen kann.

(297 Wörter)

 
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Verfasst von - 2. Mai 2011 in Japanisch, Umtüter