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Archiv der Kategorie: Übersetzeralltag

Ein Hoch auf die lektorierende Zunft

Es wird ja oft beklagt, dass LiteraturübersetzerInnen zu sehr im Schatten stehen, obwohl sie doch nicht unwesentlich über Erfolg oder Misserfolg eines Buches mitentscheiden. Noch einen Schritt weiter im Dunkel steht aber noch jemand anders: die Lektorin. Findet man den Namen der Übersetzerin wenigstens noch klein im Impressum oder sogar unter dem Buchtitel auf der Titelseite, sucht man den Namen der Lektorin meist vergeblich.

Dabei ist eine gute Übersetzung immer Teamarbeit. Kein noch so berühmter Autor würde auf das Lektorat verzichten, weil er ganz genau weiß: Die lange Arbeit am selben Text macht irgendwann betriebsblind. Dann fehlt der nötige Abstand, um Plotlöcher  zu erkennen oder auch unglückliche Formulierungen, die einfach nicht besser werden wollen, obwohl man doch so lange daran gefeilt hat.

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Beim Übersetzen ist das eigentlich nicht viel anders. Natürlich liefere ich meine bestmögliche Übersetzung ab, natürlich gebe ich mir die größte Mühe, bis es für mich stimmt. Kein Text verlässt meinen Computer ohne einen kritischen Korrekturlauf, in dem ich gerade bei Buchübersetzungen noch mal einiges umwerfe, umstrukturiere, umformuliere, bis aus der Übersetzung ein deutscher Text geworden ist. Und doch kann ich drauf wetten: Das Lektorat findet die Stellen, die noch schöner sein könnten. Die ich beim dritten Drüberlesen einfach nicht mehr wahrnehme. Da ich fast nie Belletristik übersetze, sondern überwiegend Sachbücher, bekomme ich die lektorierte Fassung meistens gar nicht zu sehen. Wenn aber doch, oder wenn ich eine Fachübersetzung für einen Direktkunden von einer Kollegin prüfen lasse und die lektorierte Fassung öffne, bekomme ich manchmal einen Schreck. So viel Rot, Frau Lehrerin? Doch wenn ich mir die Korrekturen und Anmerkungen einer guten Lektorin ansehe, muss ich gestehen: So gefällt auch mir der Text besser. Er wurde nicht umgeschrieben, sondern optimiert. Herausgeputzt. Und dann bin ich sehr glücklich über diese schöne Übersetzung, die wir zusammen erschaffen haben.

(298 Wörter)

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Ein Kommentar

Verfasst von - 1. April 2016 in Übersetzeralltag

 

Such, such!

Was macht eigentlich eine gute Übersetzerin aus? Sprachgefühl, klar. Schreibtalent. Genauigkeit. Hartnäckigkeit braucht man auch und ein leichter Hang zum Perfektionismus ist oft ebenfalls nützlich. Vor allem aber muss eine gute Übersetzerin eins können: recherchieren.

Obwohl diese Kunst nicht direkt zum Ausbildungsgang gehört (zumindest nicht zu meiner Zeit), ist sie meiner Meinung nach von dermaßen entscheidender Bedeutung, dass man behaupten könnte,  hier trennt sich die Spreu vom Weizen, unterscheiden sich die Amateure von den Profis.

Stellen wir uns vor, in meinem Text taucht ein Wort auf, das ich nicht kenne. Passiert sehr viel häufiger, als gemeinhin angenommen wird, denn Übersetzer sind nun mal keine Wörterbücher. Aber das nur am Rande. Was mache ich also? Zuerst sehe ich natürlich in den einschlägigen Wörterbüchern nach. Finde ich dort eine deutsche Entsprechung, die in meinen Satz passt, prima! Das war einfach. Und wenn nicht? Dann versuche ich es je nach Fachgebiet noch in ein paar spezielleren Wörterbüchern, hole vielleicht sogar meine Papierdinosaurier aus dem Regal. Manchmal hilft das. Und wenn nicht? Dann schlägt die Stunde der Recherchekönigin. Paralleltexte suchen. Wenn ich überhaupt nicht mehr weiterkomme, frage ich Menschen. Erst KollegInnen, dann ExpertInnen.

Man beachte die Reihenfolge. Wenn ich überhaupt nicht mehr weiterkomme. Das kommt erst ganz zum Schluss, wenn ich mein Recherchepulver verschossen habe und feststecke. Leider sind da nicht alle KollegInnen so streng mit sich. Sobald der gesuchte Begriff weder auf Leo noch auf dict.cc zu finden ist, wird die Frage einfach outgesourct, ob nun auf KudoZ oder in anderen Übersetzerforen. Wie oft ich da schon der Versuchung widerstehen musste, einen entsprechenden Link zu „Let me google that for you“ zu setzen, kann ich gar nicht zählen.

Mich ärgert das wirklich. Recherchieren ist eine wesentliche Grundkompetenz für das Übersetzen und solche Abkürzungen sind meist nichts als Bequemlichkeit. Lernt es! Sucht selbst!

(299 Wörter)

 
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Verfasst von - 23. März 2016 in Übersetzeralltag, Sprache, Trickkiste

 

Optimalst

Erst mal: Tut mir leid wegen der Überschrift. Ich weiß, das tut weh. Und nein, es geht diesmal gar nicht um Sprachsünden, sondern um einen zeitgeistigen Modetrend, dem ich immer wieder selbst anheimfalle: den Optimierungswahn.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass wir in allen Bereichen stets nach Perfektion zu streben haben? Ich gebe zu, ich bin selbst eine Perfektionistin, wie viele meiner KollegInnen auch. In gewisser Hinsicht ist das beim Übersetzen auch nicht nur hilfreich, sondern sogar notwendig – beim Einhalten von Rechtschreib- und Grammatikregeln kann man nun mal nicht fünfe gerade sein lassen, das stimmt entweder oder es stimmt nicht. An anderen Stellen behindert zu viel Perfektionismus aber auch, hemmt die Kreativität, bremst aus (Stichwort Pareto-Prinzip). Wie lange habe ich für die Erkenntnis gebraucht, dass „gut genug“ manchmal (jedenfalls öfter, als ich denke) eben doch reicht!

Die übersetzende Zunft optimiert ausgesprochen gern. Arbeitsabläufe und Gedächtnisleistung mit CAT-Tools, die Produktivität mit Spracherkennungssoftware – höher, schneller, weiter ist die Devise. Nicht, dass ich das grundsätzlich schlecht fände. Wenn mir Tools die Arbeit erleichtern, dann bitte her damit! Mich beschleicht nur manchmal der Verdacht, dass wir uns damit nach und nach immer mehr vom Wesenskern des Übersetzens wegbewegen: der Kreativität. Der heilige Gral sind möglichst viele übersetzte Wörter pro Stunde – um mehr zu verdienen oder schneller dem Schreibtisch entfliehen zu können, je nach persönlicher Disposition.

Ich nehme mich da gar nicht aus. Aber tun wir uns damit wirklich einen Gefallen? Den Texten? Übersetzungen profitieren davon, wenn man ihnen Raum zum Atmen gibt, sich die Zeit nimmt, den texteigenen Rhythmus zu finden. Kreativität braucht Zeit, wie in diesem Video so wunderbar demonstriert wird:


Sicher, manche Texte flutschen nur so, das sind dann echte Glücksmomente. Glücklich macht aber auch eine richtig gelungene Übersetzung, und manchmal geht das eben nur mit bewusster Entschleunigung. Mit De-Optimierung.

(299 Wörter)

 
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Verfasst von - 2. März 2016 in Übersetzeralltag, Sprache, Unternehmeralltag

 

Method Translating

Der Begriff „Method Acting“ als Technik beim Schauspielern dürfte vielen geläufig sein. Der darstellende Mensch versetzt sich dabei in die Rolle, indem er sich auf besondere Weise hineinfühlt, bis er nicht mehr spielt, sondern ist. Beim Übersetzen ist das manchmal genauso.

Kein Wunder eigentlich, schließlich beschäftigt man sich dabei manchmal über Tage oder gar Wochen mit einem Thema, es füllt einem den ganzen Arbeitstag lang den Kopf, natürlich bleibt das nicht ohne Auswirkungen. Nach dem zweiten Buch über Aquarienfische schaffte ich mir ein Aquarium an. Nach dem Smoothie-Buch wurde endlich der Standmixer gekauft, mit dem ich schon lange geliebäugelt hatte. Als ich das Buch über Hühner übersetzte, sah der Liebste mich nachdenklich in den Garten starren und reagierte sofort mit einem: „Vergiss es!“

Es geht aber auch andersrum. Wenn ich mich für bestimmte Texte durch unterstützende Maßnahmen in Stimmung bringe, nenne ich das „Method Translating“. Manchmal mache ich das bewusst, manchmal ergibt es sich von außen, manchmal fällt es mir auch dabei erst auf. Beispiele gefällig? Bitte sehr, mein Twitter-Ich hat zum Glück ein Langzeitgedächtnis:

Allerdings hat die Methode auch Grenzen. Bei Medizintexten sollte man tunlichst einen gesunden geistigen Abstand einhalten und demnächst steht ein Buch über das Fortpflanzungsverhalten von Tieren an. Dazu fällt mir jetzt beim besten Willen auch nichts ein!

(212 Wörter)

 
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Verfasst von - 23. Februar 2016 in Übersetzeralltag, Trickkiste

 

Die geheime Mission der Bärchentiere

Letzte Woche saß ich an der Übersetzung eines wundervollen Buchs über Bionik. In einem Kapitel ging es um Tardigrada, die im Deutschen auch den schönen Namen „Bärtierchen“ tragen, weil sie unter dem Mikroskop genau so aussehen. Höchst faszinierende Wesen im Übrigen, die sich monate-, ja jahrelang in einen todesähnlichen Zustand versetzen können, um nicht auszutrocknen. „Kryptobiose“ heißt das. Legt man sie in Wasser, wachen sie schwupps! wieder auf und gehen ihrer Wege, als sei nichts gewesen.

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Bild: Schokraie E, Warnken U, Hotz-Wagenblatt A, Grohme MA, Hengherr S, et al. (2012)

Jedenfalls können sich die kleinen Bärchen nicht nur selbst in den Stand-by-Modus versetzen, sondern auch schadlos die 1000-fache Röntgenstrahlung überstehen, die man einem Säugetier zumuten dürfte, und überleben sogar im Vakuum des Weltraums. Dazu gab es mal einen Versuch, in dem die Tierchen in den Orbit gebracht wurden. Als ich das jedoch recherchierte, konnte ich so gut wie nichts dazu finden, jedenfalls keine seriösen Quellen.

Sofort nahmen dubiose Verschwörungstheorien in meinem Kopf Gestalt an. War es vielleicht ein Geheimprojekt gewesen? Man spekuliert ja seither darüber, ob die Tardigrada nicht sowieso außerirdischen Ursprungs sind, da ja nun bewiesen ist, dass sie im All überleben können. Dürfen diese Informationen etwa nicht an die Öffentlichkeit? Was ist da los?

Und dann sah ich noch mal genauer hin und entdeckte, dass ich nach „Bärchentieren“ gesucht hatte statt nach „Bärtierchen“. Schade, doch keine Verschwörung aufgedeckt.

Übrigens hieß die Mission TARDIS („Tardigrades In Space“). Es muss so cool sein, bei der Arbeit ab und zu hochoffiziell den inneren Nerd von der Leine lassen zu dürfen! Wenn ich nicht eh schon den besten Beruf der Welt hätte, wäre ich fast neidisch.

(260 Wörter)

 
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Verfasst von - 17. Februar 2016 in Übersetzeralltag

 

„Davon kann man doch sowieso nicht leben!“

Dass man vom Literaturübersetzen nicht leben kann, ist eine weit verbreitete vermeintliche Binsenwahrheit, die nicht zuletzt von den LiteraturübersetzerInnen selbst gern unermüdlich ins Feld geführt wird. Hartnäckig hält sich das Arme-Künstler-Klischee vom Übersetzer, der tagsüber einem unerfreulichen Brotjob nachgehen muss, um sich nach Dienstschluss endlich seiner wahren Leidenschaft hingeben zu können: den Büchern. Wie tragisch-romantisch!

Moment.

Ich übersetze jetzt seit 16 Jahren Bücher und lebe eigentlich ganz gut davon. Mehr noch, ich ernähre seit vielen Jahren eine ganze Familie mit dem Übersetzen. Mache ich was falsch?

Gut, ich bin nicht die klassische Literaturübersetzerin. Ich übersetze vor allem Sachbücher, nur sehr gelegentlich bisher etwas Kinderliteratur. Und stimmt, ich übersetze natürlich auch noch Fachtexte, die ganz anders bezahlt werden. Es steht auch außer Frage, dass Literaturübersetzungen immer noch nicht annähernd angemessen bezahlt werden für die Arbeit, das Wissen, das Können, das wir hineinstecken müssen.

Trotzdem. Kurz nachgerechnet: Ich habe 2015 gut 61 % meines Umsatzes mit Buchübersetzungen gemacht. Zugegeben, mein Stundenlohn lag bei den Fachübersetzungen recht deutlich höher, um fast ein Drittel. Dennoch komme ich auch mit den Buchübersetzungen auf einen durchaus respektablen Stundenlohn von fast 65 Euro. Das ist zwar nicht ausgesprochen fürstlich, aber doch deutlich mehr, als viele Agenturen einer Übersetzerin als Stundensatz zu zahlen bereit wären.

Ich gebe zu, dieser Beitrag ist ein bisschen polemisch. Natürlich kommt es auch darauf an, ob man Hochliteratur übersetzt oder Groschenhefte, Kochbücher oder philosophische Werke. Nach meiner Einschätzung gibt es aber weite Bereiche in der Literatur, in denen sich die übersetzende Zunft durchaus existenzsichernd tummeln kann.

Ich mache mir ein wenig Sorgen, dass die Pauschalaussage in der Überschrift mehr und mehr zur selbsterfüllenen Prophezeiung wird, je öfter wir sie wiederholen. Dass sie uns den Mut nimmt, für die angemessen Bezahlung einzutreten, die uns zusteht. Man kann vom Literaturübersetzen durchaus leben, aber es könnte und müsste noch besser sein!

(300 Wörter)

 
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Verfasst von - 2. Februar 2016 in Übersetzeralltag, Unternehmeralltag

 

Mein 2015

Bevor es hier so richtig wieder in die Vollen geht: Vielleicht hat sich der eine oder die andere ja gefragt, was ich wohl das letzte Jahr über so getrieben habe, dass ich gar keine Zeit (oder sagen wir mal Muße) zum Bloggen hatte. Bitte sehr, das war mein 2015:

  • Ich war auf Konferenzen in Warschau (TLC), Freiburg (TriKonf) und Miami (ATA 56). Jawohl, Miami. Es war so großartig, dass ich das Programm dieses Jahr quasi wiederhole, minus Freiburg (weil die TriKonf nicht jedes Jahr stattfindet) und mit San Francisco statt Miami. An dieses Jetset-Leben könnte ich mich wirklich gewöhnen! Wer den lieben langen Tag allein am Schreibtisch sitzt, muss einfach ab und zu mal unter Leute, um nicht vollends wunderlich zu werden.
  • Wenn ich mich nicht gerade auf Übersetzer-Konferenzen herumtrieb, war ich auf diversen Fachmessen oder Kongressen: auf der IDS in Köln, auf der Buchmesse in Leipzig und in Frankfurt, auf der re:publica (praktischerweise vor der Haustür), auf dem Workshop-Wochenende des wunderbaren Texttreffs, auf einem BDÜ-Seminar zum Thema Kardiologie und bei einem Übersetzer-Workshop der German Society des Chartered Institute of Linguists.
  • Ich habe 14 Bücher übersetzt. Vierzehn! Na gut, einige hatten nicht viel Text. Andere dagegen schon, ein oder zwei hielten mich gar über Monate in Atem.

Noch Fragen? Faul war ich jedenfalls nicht. 2016 lässt sich übrigens auch nicht viel ruhiger an – geplant sind bisher nicht weniger als 4 Konferenzen, ein Messebesuch, ein BDÜ-Seminar und natürlich das Texttreff-Wochenende. Eine Weiterbildung zum Medical Writer steht ebenfalls auf der Liste. Ganz zu schweigen von diversen MOOCs und anderen Weiterbildungsaktivitäten.

Ob ich mir einen Sponsor suchen sollte, damit ich in Vollzeit Konferenzen besuchen und meinen Horizont erweitern kann?

(271 Wörter)

 
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Verfasst von - 22. Januar 2016 in Übersetzeralltag, Weiterbildung